Organspende-Skandal Ein Einzelfall? Aberwitzig!

Vertreter des ärztlichen Standes versuchen, die Manipulationen von Patientendaten in Göttingen herunterzuspielen. Bestechlichkeit und ärztliche Hybris mögen nicht die Regel im Transplantationsbetrieb sein. Aber ein Einzelfall sind sie gewiss nicht.

Ein Kommentar von Christina Berndt

Fast noch erschreckender als die Organ-Schiebereien in Göttingen waren die Reaktionen mancher Vertreter des ärztlichen Standes. Das sei ein "absoluter Einzelfall", glaubte einer zu wissen. Man müsse nicht gleich das ganze System revolutionieren, wandte sich ein anderer gegen die Forderung nach mehr Kontrolle; es seien schließlich nicht alle Ärzte korrupt.

Die Versuche, den Betrug in einer Sparte der Medizin, die mehr noch als andere über Leben und Tod verfügt, als die Tat eines Einzelnen kleinzureden, erweisen sich nun als aberwitzig. In Göttingen ging es nicht nur um eine Serie von Betrügereien.

Dort haben offenbar gleich zwei Abteilungen gemeinsam darüber entschieden, welchen Patienten sie das Leben retten wollen. Wenn jetzt Ärztefunktionäre das Ausmaß der Verfehlungen im deutschen Transplantationsbetrieb kleinreden, dann werden sie der Spendenbereitschaft noch mehr schaden.

Die Vorfälle von Göttingen reihen sich ein in größere und kleinere Schiebereien und Betrügereien. Zu erinnern sei nur an den Leber-Transplanteur Christoph Broelsch aus Essen, der als Leibarzt von Johannes Rau galt und nun hinter Gittern sitzt. Er hat die Behandlung von Patienten davon abhängig gemacht, dass sie ihm Geld zahlten.

Bestechlichkeit und ärztliche Hybris sind vielleicht nicht die Regel im Transplantationsbetrieb. Aber ein Einzelfall sind sie gewiss nicht.