Moderater Alkoholkonsum Warum sind die Grenzwerte so unterschiedlich?

Angesichts der Unterschiede und Ungewissheiten muss man nicht am Stammtisch stehen, um sich zu fragen, wie ernst man die offiziellen Grenzwerte nehmen kann. Sind sie überhaupt wissenschaftlich fundiert? Die heterogenen Regelungen spiegeln letztlich die komplexen Wirkungen des Alkohols wider. Die Alltagsdroge ist an der Entstehung von Dutzenden Krankheiten beteiligt. Allein etwas 35 Leiden gehen ausschließlich auf das Trinken, dazu gehören Alkoholismus und das Fetale Alkoholsyndrom (FAS), das die Kinder von Müttern aufweisen können, die während der Schwangerschaft nicht von Wein und Bier ließen. Bei etwa 50 weiteren Erkrankungen von Krebs bis Demenz ist Alkohol ein Einflussfaktor unter mehreren.

Bei den meisten dieser Krankheiten steigt das Risiko mit der getrunkenen Menge. Bereits ab einer Dosis von 25 Gramm Alkohol pro Tag zeigt die Kurve leicht nach oben. Hier stellt sich die ethisch schwer zu entscheidende Frage, bis zu welchem Punkt man Risiken noch in Kauf nimmt; schließlich können allzu strenge Grenzwerte auch kontraproduktiv sein, weil sie an der gesellschaftlichen Realität vorbeigehen.

Noch komplizierter wird es, wenn man in die Tiefen der Statistiken einsteigt, und berücksichtigt, dass sich die Risikokurven ändern, je nachdem welche Bevölkerungsgruppe und welche Auswirkungen der Krankheit - bloßes Auftreten, ihre Schwere oder gar den Tod - man betrachtet. Bei der Abwägung all der Effekte gibt es einen Interpretationsspielraum, den die Fachgesellschaften der Länder unterschiedlich ausschöpfen - und dabei wohl auch die Häufigkeit bestimmter Krankheiten und Konsumgewohnheiten berücksichtigen.

So ist - gerade angesichts der schwer zu beziffernden Risiken - nur derjenige auf der sicheren Seite, der so wenig wie möglich trinkt. Nehmen Sie das kleinste für das jeweilige Getränk typische Glas. Frauen können ein Glas, Männer das Doppelte trinken.

Andreas Heinz, Direktor der Klinik für Psychiatrie der Berliner Charité, rät zudem, mindestens ein bis zwei Tage pro Woche gar keinen Alkohol zu trinken. Alkoholfreie Tage sind allerdings kein Freibrief, am Wochenende umso heftiger zu zechen. Hoher gelegentlicher Konsum gilt als schädlicher als das regelmäßige Feierabendbier.

Wer sich an diese Empfehlungen hält, ist in der Regel sicher, so Andreas Heinz: "Aber 'in der Regel' heißt eben nur 'in der Regel'. Es gibt Menschen, die sind besonders empfindlich. Und man kann sich bereits mit relativ wenig Alkohol psychisch daran gewöhnen, den Stress wegzutrinken." Somit sind sich die Experten dieser Welt auch in diesem Punkt einig: Einen komplett risikolosen Alkoholkonsum gibt es nicht.