Kreativität und Niedergeschlagenheit Mythos schöpferische Melancholie

Unzufriedenheit, Schwermut und schlechte Laune gelten in Deutschland traditionell als Quelle von genialen Ideen und Schaffenskraft. Was für ein Unsinn!

Von Stefan Klein

Novemberstimmung an einem See in Unterfranken. (Symbolbild)

(Foto: DPA)

Wie geht es Ihnen? Eigentlich gut, aber . . . Überlegen Sie einen Augenblick: Bestimmt fällt Ihnen eine Sorge ein. Vielleicht plagt Sie auch der Stress. Irgendein Ungemach trübt sicher Ihre Stimmung. Schließlich wollen Sie nicht als ein oberflächlicher Faulpelz dastehen, der einfach so sein Leben genießt.

Das nämlich kommt in Deutschland schlecht an. Nehmen wir nur die Untertöne einer beliebigen Diskussion um die Euro-Hilfen: Der Aufreger sind ja keineswegs die Transfers selbst, schließlich überweist Deutschland seit Jahrzehnten Milliarden nach Süden. Aber den Griechen, die ja laut Kanzlerin Merkel "ganz viel Urlaub" machen, sollen wir unser sauer verdientes Geld überweisen? Diesen Leichtfüßen, die wie einst Alexis Sorbas Sirtaki tanzend und Retsina trinkend in den Tag hinein leben? Kein Wunder, dass die nichts auf die Reihe bekommen. Vermutlich hätten Finanzhilfen für schwermütige Finnen die Stammtische viel weniger erregt.

Allerdings hat die Empörung einen blinden Fleck: Die Deutschen sind schon seit Jahren glücklicher als die Menschen in sämtlichen Mittelmeerländern, wie europaweite, anonyme Umfragen beweisen. Und seit 2008 steigt die Lebenszufriedenheit der Deutschen sogar an. Nach einer kürzlich veröffentlichten Studie des Allensbacher Instituts für Demoskopie benoten durchschnittliche Deutsche ihr Wohlbefinden inzwischen mit immerhin sieben von zehn möglichen Punkten.

Eine gute Nachricht, möchte man meinen, doch Kulturkritiker beobachten die Entwicklung mit Sorge: Große Buchverlage versuchen einander in diesem Herbst mit Streitschriften für ein Recht auf Unglück zu überbieten, und die Feuilletons verkünden, dass Glück überschätzt sei. Dass immer mehr Menschen - Deutsche! - die Fröhlichkeit dem Schwelgen in Melancholie vorziehen, ist in ihren Augen mehr als nur ein Zeichen des Niedergangs, sondern bedrohlich. Wer nur dem eigenen kleinen Glück nachhänge, so argumentieren die Warner, sei ein Egoist, der nichts zum Wohle der Gemeinschaft beitrage.

Das Misstrauen gegenüber den guten Gefühlen hat in Deutschland Tradition: Unsere Kultur hält negative Gefühle für wertvoller als positive. Dies ist nicht zuletzt ein Erbe der Romantik, feierte das 19. Jahrhundert doch die gequälte Seele als Quelle aller Schaffenskraft und die unerfüllte als die einzig wirkliche Liebe. Auch wenn kaum jemand noch Goethes Werther und niemand mehr Novalis' Heinrich von Ofterdingen liest, die Romane, die diese Vorstellungen in die Welt gesetzt haben, nehmen wir sie doch ungefragt hin: Glücksgefühle mögen angenehm sein, aber sie bringen uns selbst und vor allem andere nicht weiter.