Infektionsmedizin Die Angst vor kranken Flüchtlingen ist unbegründet

Gerhard Bojara, Chef des Gesundheitsdienstes Osnabrück, untersucht den kurdischen Kriegsflüchtling Mohamad.

(Foto: dpa)

Tuberkulose und Läuserückfallfieber: Manche Flüchtlinge leiden an Krankheiten, die es in Europa kaum gibt. Menschlich ist das eine Herausforderung - medizinisch nicht.

Von Kai Kupferschmidt

Christoph Lange behandelt heute häufiger Krankheiten, mit denen er früher fast nie zu tun hatte. Im vergangenen Jahr waren es zum Beispiel vier Infektionen mit dem Fuchsbandwurm und ein Leberabszess, ausgelöst von Amöben. Langes Patienten waren Flüchtlinge, die diese Krankheiten aus ihren Heimatländern mitgebracht hatten.

"Es wäre sinnvoll, wenn Tropenkrankheiten und andere bei uns seltene Erkrankungen in der Ausbildung von Ärzten wieder eine größere Rolle spielten", sagt Lange, Tuberkulosexperte am Forschungszentrum Borstel. So manche Mediziner in Deutschland haben diese Leiden aus dem Blick verloren.

Mehr als eine Million Flüchtlinge und Migranten sind laut UN-Flüchtlingskommissariat im Jahr 2015 nach Europa gekommen, die meisten von ihnen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak. Einige Hunderttausend mehr sind wahrscheinlich nicht registriert worden. Manche von ihnen leiden an Krankheiten, die in Europa zurückgedrängt wurden oder kaum noch bekannt sind: Tuberkulose, Hepatitis oder Läuserückfallfieber, eine Infektionskrankheit, die von Kleiderläusen übertragen wird und unbehandelt tödlich sein kann.

Bei der jährlichen Konferenz der Europäischen Gesellschaft für klinische Mikrobiologie und Infektionskrankheiten in der vergangenen Woche in Amsterdam war Lange einer von zahlreichen Forschern und Ärzten, die über diese Phänomene sprachen.

Das Problem ist nicht, die Europäer zu schützen, sondern die Flüchtlinge richtig zu behandeln

Das Thema ist heikel. Rechtspopulisten in ganz Europa versuchen die Angst vor Flüchtlingen zu schüren, indem sie diese als Gefahr für die Volksgesundheit darstellen. Doch diese Bedenken seien unberechtigt, sagen Forscher. Manche Probleme, etwa ein Anstieg der Tuberkulosefälle, seien real und zu diskutieren, um Lösungen zu finden.

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Tatsächlich geht es aber vor allem darum, Migranten besser zu schützen. Über ihre medizinischen Bedürfnisse ist wenig bekannt, weil das Thema vor der aktuellen Zuwanderung ignoriert wurde. "Ich forsche seit 15 Jahren zur Gesundheit von Migranten, und es gab so gut wie keine Förderung dafür", sagt beispielsweise Sally Hargreaves vom Imperial College London. "Jetzt haben wir all diese Flüchtlinge, und plötzlich gibt es Interesse und Geld."

Auf dem Kongress in Amsterdam wurden zahlreiche Studien vorgestellt: Niederländische Forscher etwa haben knapp 2000 Flüchtlinge aus Eritrea, Äthiopien und Somalia auf Anzeichen der Krätze untersucht, eine Hautkrankheit, die von Parasiten übertragen wird und am Horn von Afrika verbreitet ist. Bei einem Drittel wurden die Forscher fündig.

"Das Profil von Infektionskrankheiten in Europa ändert sich."

Und in Thüringen stellten Wissenschaftler bei einem von 300 Flüchtlingen Salmonellen oder Shigellen fest, die heftige Durchfallerkrankungen verursachen. Migranten könnten auch häufiger antibiotikaresistente Keime tragen, sagt Winfried Kern, Infektionsmediziner aus Freiburg. So hat eine Studie in vier Flüchtlingszentren in der Schweiz gezeigt, dass die Menschen dort zehn Mal häufiger mit dem resistenten Erreger MRSA kolonisiert sind als der Rest der Bevölkerung.

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"Das Profil von Infektionskrankheiten in Europa ändert sich. Das sollten wir nicht unter den Tisch kehren", sagt Manuel Carballo, Epidemiologe am Internationalen Zentrum für Migration, Gesundheit und Entwicklung in Genf. Dieser Wandel sei aber Teil eines größeren Trends auf der ganzen Welt: Globalisierte Warenströme und Touristen würden ebenso wie Migration dazu beitragen, dass sich Krankheitserreger auf der Welt verteilen.

Allerdings gibt es kaum Hinweise darauf, dass sich die Krankheitserreger, die Flüchtlinge aus ihren Heimatländern mitbringen, in der Bevölkerung ausbreiten. Nachdem 27 Fälle von Läuserückfallfieber bei Einwanderern aus dem Norden Afrikas entdeckt worden waren, hat die Europäische Seuchenschutzbehörde ECDC Ende vergangenen Jahres eine Risikobewertung veröffentlicht. Außerdem hat sich die Behörde mit Shigellen, Malaria und anderen Infektionskrankheiten beschäftigt. Das Fazit: Es gebe zwar ein Risiko für die Einwanderer, aber die Gefahr für die restliche Bevölkerung in Europa sei "äußerst gering".