Infektionskrankheiten Italiens Impfpflicht scheint zu wirken

In Italien sind zehn, in Frankreich elf Impfungen vorgeschrieben.

(Foto: dpa)
  • Vor einem knappen Jahr hat Italien eine umfangreiche Impfpflicht eingeführt.
  • Die Impfraten sind dadurch gestiegen, aber noch nicht ausreichend hoch.
  • Dass die Impfpflicht zu mehr Immunisierungen führt, wurde vor Kurzem auch in Kalifornien gezeigt.
Von Berit Uhlmann

In Italien gibt es neuerdings das "Maserchen" zu kaufen. Die Puppe schaut ausdruckslos und trägt rote Punkte auf ihren Pausbacken. Masern eben. Doch mit einem "Zaubertüchlein" lassen sich die Flecken wegwischen - ganz einfach, ganz spaßig. Ärzte und Wissenschaftler finden das Spielzeug weniger amüsant, schließlich handelt es sich bei den Masern um eine gefährliche Krankheit. Er warte noch auf die Markteinführung von "Meningitilein", spottete der Mailänder Virologe Roberto Burioni. Selbst ein Verbot der Puppe ist möglich: Italien macht seit 2017 Ernst mit allen, die Kinderkrankheiten für lustig halten.

Die Rechnung scheint aufzugehen. Ende des vergangenen Jahres war die Rate für fast alle Impfungen höher als noch 2016, bilanzieren Epidemiologen im Fachblatt Eurosurveillance. Gegen Masern, Mumps und Röteln sind sogar 4,4 Prozent mehr geschützt als im Jahr zuvor. Der Anstieg sei sehr wahrscheinlich auf die neue, gesetzliche Impfpflicht sowie die begleitende Informationskampagne zurückzuführen, schreiben die Forscher. Sie sind optimistisch, dass die Impfzahlen im Laufe der Zeit noch steigen werden.

Seit Mitte 2017 sind in Italien zehn Immunisierungen obligatorisch. Allen unter Sechsjährigen, die Lücken in ihrem Impfpass haben, kann der Besuch von Krippen, Kindergärten und Vorschulen verwehrt werden. Strafzahlungen von bis zu 500 Euro sind möglich.

2300 Fälle seit November: Frankreich kämpft seit Monaten mit einer Masern-Epidemie

Dennoch, so die Autoren, haben die strengen Regelungen bislang nicht auf alle Impfgegner Eindruck gemacht. Noch immer drohen Eltern mit Klagen oder tauchen zum Impftermin mit absurd langen Fragelisten auf, um die Immunisierungen zu verzögern. In Südtirol erklärten mehr als 100 Impfgegner, "Gesundheitsasyl" in Österreich beantragen zu wollen.

So ist wohl zu erklären, dass der Schutz vor den Masern, gegen den sich die Skeptiker besonders zäh wehren, nach wie vor unzureichend ist. Bis Jahresende hatten nur 92 Prozent der unter Dreijährigen die Impfung erhalten - zu wenige, um Ausbrüche zu verhindern. Tatsächlich sind in den ersten vier Monaten dieses Jahres mehr als 1200 Italiener an den Masern erkrankt. Vier sind daran gestorben.

Auch Frankreich kämpft seit Monaten mit einer Masernepidemie. Seit November 2017 wurden mehr als 2300 Fälle gezählt. Kein einziges Departement erreicht derzeit die anvisierte Impfquote von 95 Prozent, schrieben die Behörden erst vor wenigen Tagen. Frankreich hat ebenfalls eine umfangreiche Impfpflicht eingeführt. Da sie allerdings nur für Kinder gilt, die von Januar dieses Jahres an geboren werden, ist mit deutlichen Effekten nicht so schnell zu rechnen. Lohnender ist ein Blick nach Kalifornien. Dort wurde 2015 die zuvor eher halbherzige Impfpflicht verschärft. Weltanschauliche Gründe gelten nun nicht mehr als Entschuldigung für impfmüde Eltern. Innerhalb von zwei Jahren kletterte die Masern-Impfquote von weniger als 93 auf fast 96 Prozent.

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