Infektionen auf Reisen Erreger im Anflug

Im Flugzeug können Krankheitserreger verbreitet werden.

(Foto: AP)
  • Forscher haben simuliert, wie gut sich Grippeviren in einem Flugzeug verbreiten können.
  • Eine Ansteckungsgefahr besteht für demnach nur für die Passagiere, die sehr nahe beim Infizierten sitzen.
Von Hanno Charisius

Wenn im Flugzeug der Mann zwei Reihen weiter vorne wieder mit seinem kollernden Husten loslegt, wünschen sich die übrigen Passagiere eine Quarantänestation für den keimesprühenden Begleiter. Wirklich in Gefahr sind nach einer neuen Untersuchung allerdings nur die Reisenden in der Reihe vor und hinter dem Erkrankten, sowie bis zu zwei Sitze links oder rechts von der Virenschleuder.

Die Ausdehnung der verkeimten Zone hat ein amerikanisches Forscherteam im Auftrag des Flugzeugbauers Boeing vermessen. Zehn Inlandsflüge lang beobachteten die Biologen und Mathematiker sämtliche Passagierbewegungen. Im Journal PNAS berichten die Forscher um die Biostatistikerin Vicki Hertzberg von der Emory University in Atlanta, wie sie aus den Bewegungsmustern jene Zone um einen fiktiven infektiösen Patienten bestimmten, in der die Ansteckungswahrscheinlichkeit erhöht ist. In ihrem Computermodell gingen sie von einem viralen Atemwegsinfekt wie der Influenza-Grippe aus, die vor allem durch kleine Tröpfchen in der Luft und direkten Kontakt übertragen wird. Um die tatsächliche Keimlast zu bestimmen, nahmen die Forscher insgesamt 229 Proben und untersuchten sie auf 18 verschiedene Krankheitserreger. Sie fanden keinen.

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Auch die Fluglänge hat Einfluss auf das Übertragungsrisiko

Mehr als ein Dutzend Ansteckungsfälle während eines Fluges wurden bislang weltweit dokumentiert, darunter die Atemwegserkrankung Sars, die etwa jeden zehnten Infizierten tötet und mehrere Influenza-Fälle. Die Übertragung von Infektionskrankheiten in Flugzeugen und anderen Verkehrsmitteln ist dennoch erstaunlich dünn erforscht. Die Weltgesundheitsorganisation WHO nennt als Faustregel einen Übertragungsradius von zwei Sitzreihen. Bei früheren Studien hatten Forscher meist Bewegungen der Passagiere und der Crew während des Fluges nicht beachtet.

Die Forscher hinter der neuen Untersuchung betonen in ihrem Fachaufsatz, dass auch die Fluglänge einen Einfluss auf das Übertragungsrisiko habe. Weil sie nur recht kurze amerikanische Inlandsflüge in Maschinen mit einem Gang in der Mitte und jeweils drei Sitzen rechts und links davon untersucht haben, sahen sie womöglich besonders wenige Passagierbewegungen. Auf Langstreckenflügen, ja sogar in Maschinen anderer Airlines könnten ganz andere Ergebnisse zustande kommen, da jede Gesellschaft andere Hygieneprotokolle für die Kabinen anwende. Außerdem bestünde nicht nur während des Fluges eine Ansteckungsgefahr. Im vergangenen Jahr hatte eine Studie gezeigt, dass sich Passagiere insbesondere beim Ein- und Aussteigen so nahe kommen, dass Viren leicht von Mensch zu Mensch gelangen können. Auch die Wartezonen an Flughäfen kommen als Übertragungsorte infrage.

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Eine Ansteckungsgefahr kann aber nicht nur von den Mitreisenden ausgehen, sondern auch von erkrankten Crewmitgliedern. Diesen Fall haben Hertzberg und ihre Kollegen ebenfalls im Computermodell durchgespielt. Dabei wären fast alle Passagiere gleich gering gefährdet, die Fensterplätze wären die sichersten. Um sich vor Viren und Bakterien im Flugbetrieb zu schützen raten die Forscher zu sorgsamer Handhygiene.