Hashtag #NotJustSad zu Depression Wie @isayshotgun gegen das Schweigen kämpft

Jana Seelig, Bloggerin aus Berlin, ist depressiv. Ihre Tweets inspirierten eine Twitter-Userin zum Hashtag #NotJustSad.

(Foto: privat)

Jana Seelig wollte sich nur im Netz über einen Kommentar zu ihrer Depression "auskotzen". Daraus entstand der Hashtag #NotJustSad, unter dem nun Tausende zum Thema twittern. Nun hofft die Bloggerin, dass die Diskussion aufklärt - und Betroffenen hilft, die ihre Krankheit aus Angst verschweigen.

Von Tobias Dorfer

Jetzt stell dich doch nicht so an. Mal wieder hatte Jana Seelig einen dieser Sätze gehört, die depressive Menschen so häufig hören. Nimm ein warmes Bad. Dann geht's dir schon wieder besser. Jana Seelig will sich "auskotzen", wie sie sagt. Auf Twitter.

Am Montagnachmittag schreibt die Bloggerin:

Und zwei Minuten später:

Eigentlich will sie ihre Gefühle nur schnell ins Internet "rausballern". Doch dann werden immer mehr Tweets daraus, sie kann einfach nicht aufhören. Ihre mehr als 3000 Follower lesen die kurzen Texte. Wenig später meldet sich eine Frau bei Jana Seelig. Sie fände es cool, wenn es einen Hashtag dazu gebe, unter dem die Diskussion gebündelt werden könnte. "Mach einfach", antwortet Jana Seelig. So entsteht der Hashtag #NotJustSad - nicht nur traurig.

Dann geht alles ganz schnell. Über Nacht werden mehr als 2500 Tweets verschickt. Tausende Menschen schreiben über ihre Gefühle, ihre Krankheitsgeschichte, der Hashtag schießt an die Spitze der Twitter-Charts. "Wenn du meinst zu ertrinken, während alle um dich atmen können", beschreibt ein User seine Gefühle. Jana Seelig versucht, alle Tweets zu lesen, aber sie schafft es nicht.

"Wenn du meinst zu ertrinken, während alle um dich atmen können"

Millionen Menschen leiden an Depressionen - doch viele reden nicht darüber. Eine Bloggerin hat nun auf Twitter über die Krankheit geschrieben. Seit der vergangenen Nacht tun es ihr Tausende gleich. Der Hashtag #NotJustSad gibt einen bewegenden Einblick in die Gefühlswelt depressiver Menschen. Von Tobias Dorfer mehr ... Platz 13 - 14 aus 2014

Irgendwann geht sie mit ihren Mitbewohnern in die Küche und backt Plätzchen. Gegen halb fünf Uhr legt sie sich ins Bett. Als sie gegen 11 Uhr wieder aufwacht, haben sich 300 Nachrichten angesammelt, nur freundliche Worte. Sie ist glücklich über den Zuspruch und darüber, dass so viele den Mut gefunden haben, ihr Leiden in Worte zu fassen - aber auch überfordert von der Wucht und der Zahl der Reaktionen.

Jana Seelig ist depressiv, wie schätzungsweise vier Millionen Deutsche, aber sie hat gelernt, mit der Krankheit zu leben. Umso mehr stört es sie, wie die Öffentlichkeit darüber redet. "Viele Menschen verwechseln Depressionen mit deprimiert sein", sagt sie. Wer deprimiert ist, dem reicht möglicherweise ein Spaziergang an der frischen Luft, um wieder auf andere Gedanken zu kommen. Bei Depressiven ist das anders. Es ist komplex. Wie sollen Außenstehende verstehen, was in einem Betroffenen vorgeht, wenn der es nicht mal selbst kapiert? "Nicht mal meine Ärzte verstehen meine Krankheit richtig", sagt Seelig.

Und wie soll man mit den Betroffenen umgehen? Sie tragen schließlich kein Schild um den Hals: Vorsicht, depressiv! "Man bricht ja nicht in der Öffentlichkeit zusammen", sagt die Bloggerin. "Man bricht zusammen, wenn man alleine ist." Depressive seien auch nicht alle arbeitslos oder ritzten sich ständig mit einer Rasierklinge in den Arm. "Alle Depressiven in meinem Umfeld haben Jobs, haben ihr Studium geschafft", sagt Seelig. Man könne auch mit der Krankheit ein erfülltes Leben führen.

"Man will die anderen auch nicht ständig nerven"

Die Mittzwanzigerin möchte aufklären. Sie hofft, dass die Diskussion auf Twitter weitergeht, wie damals bei #Aufschrei, als Frauen über Sexismus im Alltag twitterten und sich daraus eine große nationale Debatte entspann, die es bis in die Talkshow von Günther Jauch schaffte.

Vor allem aber hofft sie, dass die Menschen über ihre Gefühle reden. Reden, das sei für viele Betroffene schwer, sagt Seelig. Selbst wenn, wie in ihrem Fall, die Freunde sich nicht abwenden und die Beziehung zum Partner hält: "Man will die anderen auch nicht ständig mit seiner Krankheit nerven."

"Du hast eine heilbringende, kraftvolle Lawine angestoßen", schrieb ihr ein User auf Twitter. Jana Seelig versucht gerade, die vielen Mails zu beantworten, die sie erreichten. Einigen schickt sie Links zu Hilfsangeboten. Die Bloggerin hofft, dass #NotJustSad noch vielen anderen Betroffenen hilft.

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