Schlafstörungen Früher Tod durch Schlafmittel

Schlaftabletten erhöhen einer neuen Studie zufolge das Sterberisiko. Das gilt selbst für jüngere Menschen und für alle Arten von Schlafmitteln. Doch woran liegt das? Wissenschaftler sehen mehrere Möglichkeiten - darunter die mangelnde Wirkung der Pillen.

Von Christina Berndt

Die Nachricht macht hellwach. Sie schreckt vor allem jene auf, die ohnehin nicht mehr ruhig schlafen können: Ganz normale Schlafmittel scheinen das Risiko für einen baldigen Tod drastisch zu erhöhen, melden Forscher vom kalifornischen Scripps Clinic Sleep Center in der Ärztezeitschrift British Medical Journal Open. "Schlaftabletten sind offenbar gesundheitsschädlich", folgert Daniel Kripke, einer der Wissenschaftler, aus seinen Daten.

Sein Team hatte die Krankenakten von 34.000 Amerikanern ausgewertet. Von den 10.500 unter ihnen, denen Schlafmittel verordnet worden waren, starben in den folgenden zweieinhalb Jahren rund viermal so viele wie von jenen Personen ohne solche Rezepte. Dabei waren die Gruppen weitgehend vergleichbar, was Alter, Geschlecht, Lebensstil und zugrundeliegende Krankheiten betraf. In jedem Fall lohne es sich, "über Alternativen für Schlafmittel nachzudenken", betont Kripke. Schließlich hätten schon vor ihm 24 andere Studien auf ein erhöhtes Sterberisiko durch die Arzneien hingewiesen.

Der neuen Analyse zufolge gilt das sogar für jüngere Menschen unter 55 Jahren - und für alle möglichen Arten von Schlafmitteln, auch für die neueren "Z-Substanzen" wie Zolpidem. Die Z-Substanzen imitieren den natürlichen Botenstoff GABA, der die Aktivität des Gehirns dämpft. Im Vergleich zu den älteren Barbituraten oder Benzodiazepinen wie Temazepam gelten die Z-Substanzen als sanfter und verträglicher. Dennoch sei das Sterberisiko auch bei ihnen selbst dann erhöht gewesen, wenn nur Rezepte für weniger als 18 Nächte im Jahr vorgelegen hätten, sagt Kripke.

Die Frage ist nur: Woran liegt das? Wirklich an den Pillen oder doch am schlechten Schlaf? Es gebe zahlreiche Möglichkeiten, wie Schlafmittel zum Tode führen können, sagt Kripke. "Die direkte Letalität ist wohl eher gering." Die Mittel lösten aber oft Depressionen aus und erhöhten die Suizidgefahr. Auch beeinträchtigten sie ihre Nutzer mitunter noch am Tag im Straßenverkehr. Und schließlich verstärkten manche Pillen das kurzzeitige Aussetzen der Atmung während des Schlafs, was das Herz beeinträchtigen kann; andere bringen den Verdauungstrakt durcheinander, sodass Speisereste aufsteigen und die Schleimhäute angreifen: Infektionen können die Folge sein.

Womöglich ist aber auch einfach die mangelnde Wirkung der Pillen schuld an dem erhöhten Sterberisiko. "Nur bei 20 Prozent der Patienten erreichen wir mit den Tabletten wirklich einen Wohlfühlschlaf, bei mehr als 70 Prozent bleibt der Schlaf gestört", sagt Ingo Fietze, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin. "Und es ist lange bekannt, dass zu wenig Schlaf die Lebenserwartung senkt."

Obwohl die Interpretation der aktuellen Daten so schwierig sei, solle man sie "als Signal sehen, aber nicht in Panik ausbrechen", empfiehlt Wolfgang Becker-Brüser vom pharmakritischen Arzneitelegramm. Auch der Regensburger Schlafforscher Jürgen Zulley wertet sie vor allem als "Warnung, noch vorsichtiger als bisher mit Schlaftabletten umzugehen". Erste Wahl sollten ohnehin immer nicht-medikamentöse Verfahren sein, so Zulley - eine Verhaltenstherapie zum Beispiel oder Maßnahmen der Schlafhygiene. Dazu gehört es auch, nicht bis zur letzten Minute fernzusehen, abends auf Alkohol zu verzichten und Probleme erst einmal auf einem Zettel zu notieren - um sie am nächsten Tag zu wälzen statt in der Nacht.

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