Folgen der Sucht Die gefährlichste aller Drogen

Jede Droge hat ihre eigene Wirkung - und Gefährlichkeit.

(Foto: SZ-Grafik)

Wie lässt sich die Gefährlichkeit einer Droge bemessen? Wissenschaftler haben ein Modell entwickelt, das nicht nur gesundheitliche Folgen berücksichtigt - und zu einem beunruhigenden Ergebnis führt.

Von Kathrin Zinkant

Es ist erst gut zwei Jahrzehnte her, da standen hinter dem Begriff Droge eine Substanz, ein Ort und ein Schicksal: Heroin, der Bahnhof Zoo und die Selbstzerstörung. Macht sofort süchtig, schadet extrem dem Körper, vernichtet jede soziale Beziehung - das alles war Heroin. Alle anderen Drogen konnten nur Etappen auf dem Weg zu dem Stoff sein, vor dem sich Eltern und Suchtexperten fürchteten. Damals zumindest.

Heute ist der künstliche Abkömmling des Morphins eher eine geringere Sorge von Erziehungsberechtigen und Forschern. Das Bild der Droge hat sich gewandelt. Sie ist allgegenwärtig, und sie hat viele Namen: Cannabis, Crystal Meth, Crack, Ecstasy, Legal High oder ganz schlicht Alkohol. Und mit der Fülle von Substanzen, an denen sich die Gesellschaft berauscht, ist auch die Gefährdung nicht mehr so leicht zu erkennen. Klar, Drogen sind irgendwie schädlich. Aber wie gefährlich genau? Ist einmal koksen schlimm? Wird das Kind schizophren, wenn es mit Haschisch experimentiert? Lässt sich die Gefahr, die von einer Droge ausgeht, überhaupt objektiv bemessen?

Folgt man dem Gesetzgeber, lautet die Antwort: ja. Es gibt legale und illegale Drogen. Das Betäubungsmittelgesetz unterscheidet bei illegalen Substanzen und deren Ausgangsstoffen nach Verschreibungs- und Verkehrsfähigkeit - je nach den Risiken, die mit diesen Drogen verbunden sind. Fertig.

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Doch die Wissenschaft zeigt sich mit diesen verstaubten Schubladen schon lange nicht mehr zufrieden. Gerade in den vergangenen zwei Jahrzehnten haben Forscher viel über die Wirkung von Drogen aufs Gehirn, über die Entstehung von Abhängigkeiten und über kurz- und langfristige Folgen des Konsums für den Körper, für die Fahrtüchtigkeit, für die sozialen Interaktionen herausgefunden. Das Wissen ist aber immer noch lückenhaft. Die Experten sind sich aber längst einig darüber, dass seelische und körperliche Folgen allein noch nicht über die Schädlichkeit einer Substanz bestimmen. Die Wirkung aufs soziale Umfeld, die ökonomischen Kosten, all das wird inzwischen als Teil der recht komplexen Gefahrensituation gesehen.

Auch oder gerade deshalb haben sich für viele Drogen inzwischen ganz andere Profile ergeben, als es das Gesetz suggeriert. Und es gibt seit wenigen Jahren zumindest ein Konzept, das die vielen Komponenten der Gefährlichkeit auf systematische Weise zusammenführt. Entwickelt wurde es von einem Team um den britischen Psychopharmakologen David Nutt, einem ehemaligen Berater der Regierung in London in Drogenfragen. 16 Kriterien fließen mit unterschiedlichem Gewicht in diese Analyse ein. Dazu zählen neben der Gefahr, an der Droge zu sterben oder abhängig zu werden weitere Faktoren, etwa auch das Risiko, Eigentum zu verlieren, internationale Kosten zu verursachen, den sozialen Zusammenhalt im Umfeld zu verringern, oder sich und andere zu verletzen. Die Ergebnisse der Analyse werden vielfach getestet, die Resultate gelten als robust. Bereits vor fünf Jahren zeigten sie, dass die gefährlichsten Drogen mitnichten die sind, gegen die der Staat am vehementesten vorgeht. Die Spitzenposition nimmt - nicht nur in Großbritannien - Alkohol ein. Das bestätigt auch eine aktuelle Analyse von 20 europäischen Drogenexperten, die Nutts Methode verwendet haben. Das Verfahren ist bislang auch das einzige systematische Konzept geblieben.

Wie die Droge den Menschen verändert

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"Die Arbeit von Nutt ist schon ein Meilenstein", sagt Rainer Spanagel vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Er ist allerdings nicht überzeugt, dass die Politik sich jemals auf die nüchterne Sicht solcher Analysen einlassen wird. Zwar werden Suchtexperten als Berater der Politik immer wieder aufgefordert, ihren Wissensstand zusammenzufassen. "Die Entscheidung bleibt letztlich immer eine politische", sagt Rainer Thomasius, der das Deutsche Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum in Hamburg-Eppendorft leitet.

Und das bestätigt auch die Drogenbeauftragte der Bundesregierung. "Wir sollten nicht versuchen, die eine Droge gegen eine andere auszuspielen", sagt Marlene Mortler. Dass nicht alle Drogen gleich gefährlich sind, sei doch klar. Klar sei aber auch: "Der Konsum illegaler Drogen wie auch der missbräuchliche Konsum legaler Suchtmittel birgt immer das Risiko schwerer gesundheitlicher Schäden und Abhängigkeiten. Die Wissenschaft allein könne nicht 1:1-Antworten auf real existierende gesundheitspolitische Fragestellungen geben". Dennoch hat Mortler vor wenigen Wochen eine neue Expertenübersicht zu Cannabis in Auftrag gegeben

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