Probleme bei der Hirntod-Feststellung Es mangelt an Erfahrung

Andere Fachleute meinen hingegen, es seien schlicht zu viele Fehler - zumal auch Zweitgutachter Fehler machten. Und bei den 0,67 Prozent handele es sich nur um jene Fälle, die an die Öffentlichkeit gelangt sind. "Man muss sich einmal vorstellen, es gäbe in einer Klinik eine solche Fehlerquote beim Zurücklassen von Tupfern oder Instrumenten im Körper des Patienten - niemand würde sich dort mehr operieren lassen", sagt Christoph Goetz, neurochirurgischer Chefarzt in Hamburg mit langjähriger Erfahrung in der Hirntoddiagnostik. "Dass fehlerhafte Diagnosen dieser Tragweite ignoriert werden, ist völlig unverständlich." Auch wenn Patienten ohnehin bald sterben: "Wenn wir an diesem Punkt unpräzise werden, geben wir alles auf, was uns lieb und heilig ist."

Derzeit wird in der Hirntoddiagnostik vor allem auf Erfahrung gesetzt. So heißt es auch in der entsprechenden Arbeitsanweisung der DSO, Untersuchung und Wertung der Ergebnisse liegen "in der Zuständigkeit und Verantwortung der erfahrenen Untersucher". Stefanie Förderreuther hält das für richtig: "Man kann den Hirntod nicht bestimmen, indem man eine Checkliste abarbeitet", sagt sie. Vielmehr müssten wie in einem Mosaik alle Steinchen zusammenpassen. Von Fall zu Fall seien andere Untersuchungen notwendig.

An Erfahrung aber mangelt es. Denn insgesamt gibt es in Deutschland nur rund 2000 Hirntote pro Jahr. Möglich ist die Diagnose aber an allen 1200 Krankenhäusern mit einer Intensivstation. Es lässt sich leicht ausrechnen, wie selten Ärzte an einem kleineren Krankenhaus auf einen Hirntoten treffen. Und die dortigen Ärzte sind keineswegs verpflichtet, Fachleute wie Stefanie Förderreuther hinzuzuziehen.

Das sei bei der Frage nach Leben oder Tod kein vertrauenswürdiger Umstand, meint die Physikerin und Philosophin Sabine Müller vom Forschungsbereich "Mind and Brain" an der Berliner Charité. Sie setzt sich dafür ein, die Hirntoddiagnostik auf einen wissenschaftlich verlässlichen Stand zu bringen und den irreversiblen Ausfall aller Hirnfunktionen grundsätzlich durch Techniken wie SPECT oder EEG zu überprüfen. Diese messen, ob das Gehirn noch durchblutet ist und Nervenzellen aktiv sind.

Die Hirntodfeststellung muss praktikabel bleiben

Nach den Richtlinien der Bundesärztekammer reichen klinische Untersuchungen fast immer aus: So testen Ärzte, ob der Patient noch über Reflexe verfügt, die ihn dazu bringen, zu würgen, die Augen zu verdrehen oder nach Luft zu schnappen. Doch nach Ansicht Müllers könnte es auch nach dem Ausfall der Reflexe im Gehirn noch eine gewisse Aktivität geben. So wurde auch bei zwei der acht aktuellen Fälle der Hirntod zunächst durch klinische Anzeichen festgestellt. Erst eine EEG-Untersuchung kam zu einem anderen Ergebnis.

Stefanie Förderreuther ist trotzdem gegen mehr Technik: "Die apparativen Zusatzuntersuchungen machen die Hirntoddiagnose nicht sicherer", sagt sie. Diese führten mitunter sogar zu Fehleinschätzungen. "Ich hätte einmal eine Patientin beim alleinigen Betrachten einer CT-Aufnahme ihres Gehirns für tot gehalten", erzählt Förderreuther, so groß erschien der Schaden. "Aber die klinische Untersuchung hat klar belegt, dass sie noch lebte." Am meisten Verlass sei immer noch auf neurologische Untersuchungen: "Wir wissen, welche Reflexe sich nicht mehr erholen."

Auch die Richtlinien der Bundesärztekammer betonen, der Hirntod könne "in jeder Intensivstation auch ohne ergänzende apparative Diagnostik festgestellt werden". Kritiker meinen, dies sei gewollt, um die Hürden für die Diagnose niedrig zu halten. Nicht jedes Krankenhaus verfügt über die notwendigen Apparate. Der Gedanke ist nicht völlig von der Hand zu weisen: Würden zu viele Anforderungen an die Hirntoddiagnostik gestellt, könnte diese in kleinen Krankenhäusern womöglich nicht mehr stattfinden, meint Förderreuther. "Auch wenn die Sicherheit nicht gefährdet werden darf: Der Prozess der Hirntodfeststellung muss letztlich praktikabel sein."