Behandlungsfehler Kind entschädigt, Hebamme pleite

Paragrafen verändern den Alltag in Kliniken und Praxen.

Noch nie waren Patienten so selbstbewusst wie heute. Einige von ihnen erstreiten Schadensersatz in Millionenhöhe. Doch was dem Einzelnen hilft und zusteht, kann das ganze System in die Schieflage bringen. Die Folgen spüren letztlich wieder die Patienten.

Von Berit Uhlmann und Nina von Hardenberg

Die Hebamme war längst Rentnerin, als ihr das Schreiben vom Anwalt zugestellt wurde. Ein folgenschwerer Fehler sei ihr während einer Entbindung vor 25 Jahren unterlaufen, nun solle sie zahlen, hieß es da. Die Ruheständlerin erinnerte sich nicht mehr an diese Geburt, die damalige Dokumentation entsprach nicht den heutigen Standards und half nicht weiter. Was also sollte die ältere Dame tun? Dieses Beispiel zeigt, dass sich nicht nur die Opfer eines Kunstfehlers hilflos fühlen, sondern auch die, die ihn begangen haben oder dessen bezichtigt werden. Fehler gehören in der Medizin zum Berufsrisiko, und dies wird zunehmend zum Problem.

Regressforderungen für Geburtsfehler können bis 30 Jahre nach der Entbindung geltend gemacht werden. Die Summen, um die es dabei geht, sind besonders hoch - und steigen immer weiter. Was aus medizinischer Sicht ein Segen ist, wird für die Versicherer zur finanziellen Belastung: Dank besserer Versorgung überleben auch Kinder, die schwer geschädigt auf die Welt kommen, immer länger. Dadurch aber können sich Behandlungs- und Pflegekosten auf Millionenbeträge summieren.

Manchmal kommt mehr zusammen, als die Versicherungen abdecken. "Maximal sechs Millionen Euro zahlen die Versicherungen im Schadensfall für Hebammen", sagt Astrid Giesen, Vorsitzende des Bayerischen Hebammenverbandes. "Es gibt mittlerweile zehn Fälle in Deutschland, bei denen diese Summe überschritten ist". Die Frauen müssen dann mit ihrem Privatvermögen haften. Da Hebammen nicht gerade zu den Großverdienern gehören, bedeutet dies den Gang in die Privatinsolvenz.

Diese Fälle mögen Ausnahmen sein, doch letztlich ächzt das gesamte System unter den Belastungen der steigenden Schadenssummen. Darüber waren sich die Experten auf der gemeinsam von der Evangelischen Akademie Tutzing und dem SZ-Gesundheitsforum organisierten Tagung in Tutzing einig. Um sich gegen Geburtsschäden abzusichern, musste eine Hebamme 1981 noch umgerechnet etwa 30 Euro im Jahr zahlen, heute sind es fast 4250. Bei Ärzten liegt die Summe noch wesentlich höher. Bis zu 90.000 Euro pro Jahr verlangen die Versicherer für niedergelassene Gynäkologen. Günstigere Versicherungen sind für etwa die Hälfte zu haben, bilanziert der Medizinrechts-Experte Rudolf Ratzel. Doch auch bei dieser Summe lohne sich das Geschäft nicht: Bei einer natürlichen Geburt verdiene ein Arzt bei einer Kassenpatientin im Schnitt 300 Euro.

So kehrt sich eine im Grunde gute Entwicklung in ihr Gegenteil. Denn es sei ja richtig, dass Patienten, die durch eine falsche Behandlung geschädigt wurden, zumindest einen finanziellen Ausgleich erhalten und dass auch die Krankenkassen nach dem im Februar verabschiedeten Patientenrechtgesetz verpflichtet sind, ihren Versicherten bei der Fehlersuche zu helfen, wie Carola Sraier, Patientenberaterin aus dem Gesundheitsladen München, betonte.