Absturz von Germanwings-Flug 4U9525 Depressionen - eine viel zu einfache Erklärung

Ein Teil der abgestürzten Maschine in den französischen Alpen.

(Foto: AFP)

Andreas Lubitz hat 149 Menschen mit in den Tod gerissen. Wer das mit der Depression erklären wollte, unter der er offenbar gelitten hat, würde es sich aber viel zu leicht machen. Über eine Krankheit, die jetzt nicht noch mehr stigmatisiert werden darf.

Von Oliver Das Gupta, Wien

Wir Menschen neigen dazu, lieber simple Begründungen zu glauben, statt nach komplexeren Erklärungen zu suchen. Auch der Fall Andreas Lubitz verleitet zu diesem Reflex.

Der Mann, der Germanwings-Flug 4U9525 wohl absichtlich in einer Katastrophe enden ließ, litt vermutlich an Depressionen. Depressive mögen eher zum Suizid neigen. Doch warum ließ Lubitz den Jet mit aller Wahrscheinlichkeit wissentlich zerschellen und nahm 149 Menschen mit sich in den Tod? Das jetzt schon allein mit seiner Krankheit zu erklären, wäre unseriös. Denn noch liegen längst nicht alle Fakten auf dem Tisch. Und so sehr die Diagnose "Depression" die Katastrophe zu erklären scheint, bietet sie gleichzeitig auch Anhaltspunkte für die Entkräftung dieser Erklärung. So empfinden Depressive häufig Schuldgefühle anderen Menschen gegenüber - und zwar oft genau dann, wenn es gar keinen Grund für solche Schuldgefühle gibt. Und doch impliziert die Berichterstattung über die Tragödie - in vielen Fällen indirekt - dass damit der Fall geklärt ist.

Das ist naiv und falsch. Denn was ist, wenn sich Lubitz mit seiner Krankheit allein gelassen fühlte? Krankschreibungen ignorierte er - womöglich aus Sorge vor dem Verlust seines Arbeitsplatzes. Existenzängste sind zwar häufig ein typisches Symptom einer Depressionserkrankung, doch andererseits führt kaum eine andere Krankheit häufiger zur Berufsunfähigkeit. Wer sich da als Betroffener Sorgen um seine Zukunft macht, unterliegt also nicht unbedingt einer absurden Fehleinschätzung. Und im Fall der Germanwings-Katastrophe war das womöglich ein Teil des Problems.

Fakt ist: Es gibt keinen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass depressive Menschen in aller Regel für andere gefährlicher sind als nicht-depressive. Doch das Vorurteil steht im Raum und forciert damit eine Stigmatisierung der Betroffenen, die über die Epochen hinweg besteht.

Depressiv zu sein bedeutet auch im liberalen Westen des 21. Jahrhunderts weit mehr als nur ein Manko. Die Betroffenen fühlen sich in Job und Familie oft geschnitten, wenn ihre Krankheit publik wird. Deswegen haben sie oft Angst davor, sich offen zu ihrem Leiden zu bekennen. Das ist vollkommen nachvollziehbar: Die Sorge ist berechtigt, in einem mental verunsicherten und geschwächten Zustand Ablehnung zu erfahren.

Angst vor Nachteilen

Darum schweigen viele der Betroffenen, sie kaschieren und verdrängen, oft bis zum Zusammenbruch. Bei Comedian Oliver Polak war das der Fall. Im Emsland, wo er aufgewachsen ist, galt es als ausgeschlossen, sich in Therapie zu begeben oder sich in der Psychiatrie behandeln zu lassen. "Da heißt es dann: 'Der ist verrückt', sagt Polak.

Das ist fatal, denn die Medizin kann Depressiven heute durchaus helfen. Geeignete Medikamente in Verbindung mit Gesprächstherapien lindern häufig die Symptome - bis hin zur Heilung. Wenn sich Betroffene wegen des Stigmas ihrer Krankheit also nicht in Behandlung begeben, entsteht eine diabolische Wechselwirkung zwischen dem Erkrankten und seinem Umfeld. Letzteres sorgt mit dafür, dass ersterer nicht gesunden kann, doch im schlimmsten Fall schlägt das dann auf völlig Unbeteiligte zurück.

Eine von der EU finanzierte Studie aus dem Jahr 2010 belegt, dass viele depressive Menschen ausgegrenzt werden. 79 Prozent der Befragten gaben an, wegen ihrer Krankheit diskriminiert worden zu sein. Ein Drittel sagte, wegen der Depression gemieden zu werden. Zwar erklärten viele auch, vom Umfeld positiv überrascht worden zu sein, als sie über die Krankheit sprachen. Doch fast drei Viertel erklärten, lieber nicht über das Problem zu sprechen - aus Angst vor Nachteilen.