Dieter Hildebrandt "Mario Barth ist abgrundtief dumm"

Ein Gespräch mit dem Kabarettisten Dieter Hildebrandt über Pointen am Lagerfeuer der Hitlerjugend, den Moment, als er Erich Kästner zum Lachen brachte - und seine Kritik an Mario Barth.

Interview: Alexander Mühlauer und Dieter Sürig

Dieter Hildebrandt empfängt in seinem Haus im Münchner Stadtteil Waldperlach. Die Wohnzimmerwände sind mit Büchern von Brecht bis Tucholsky vollgestopft. Man nimmt ihm ab, alle gelesen zu haben. An der Wand hängen Karikaturen seines Freundes Dieter Hanitzsch, der ganz in der Nähe wohnt. Hildebrandt, 83 Jahre alt, ist braungebrannt und bester Laune. Hartz IV, Stuttgart 21 und dann ist da ja noch der Sarrazin - die Themen gehen dem Kabarettisten nicht aus. Kein Wunder also, dass Hildebrandt noch immer auf der Bühne steht. Zeit für ein Gespräch mit einem, der es einfach nicht lassen kann.

SZ: Herr Hildebrandt, reden wir über Geld. Sie sind 83 und mit Ihrem neuen Programm auf Tournee. Warum tun Sie sich das an, reicht die Rente nicht?

Dieter Hildebrandt: Für Essen, Trinken und Wohnen krieg ich genug. Nur eines bekomme ich nicht: die Freude daran, auf die Menschen einzureden und mir von ihnen sagen zu lassen, ob das nun Unsinn ist, was ich erzähle, oder nicht.

SZ: Das ist alles?

Hildebrandt: Ja. Mich regt ja sehr viel auf. Ich glaube, das kann ich mir gar nicht abgewöhnen.

SZ: Was regt Sie zurzeit auf?

Hildebrandt: Mich regt die Tatsache auf, dass sich niemand aufregt.

SZ: Und warum ist das so?

Hildebrandt: Ein Beispiel: Ich beobachte einen Menschen, der relativ ruhig darauf wartete, Bundeskanzler zu werden und plötzlich Bundespräsident wurde. Bis zu diesem Zeitpunkt war er einer von denen, die man mit Sympathie betrachtet hat, weil er gelassen wirkte. In dem Moment, wo er das Amt des Bundespräsidenten bekleidete, wurde er dessen gewahr und kam in Verlegenheit, im Pluralis Majestatis zu reden. Das Gesicht des Herrn Christian Wulff veränderte sich zu einer wirklich neuen aufgepfropften Würde.

SZ: Wann haben Sie eigentlich bemerkt, dass Ihnen die Menschen gern zuhören?

Hildebrandt: Auf diese Frage habe ich immer anders geantwortet. Ihnen sage ich jetzt die Wahrheit. Ich bin mit elf Jahren in einem Zeltlager der Hitlerjugend gewesen, da gab es eines Abends einen Erzählwettbewerb am Lagerfeuer. Ich erzählte eine Geschichte, die ich frei erfunden hatte und behauptete, sie wäre tatsächlich passiert. Die Kinder haben dauernd gelacht. Und ich hatte das Gefühl, das gefällt mir. Das war der Beginn meiner vorlauten Phase, die bis heute anhält.

SZ: Von dieser Entdeckung in der Hitlerjugend reden Sie das erste Mal. Vor ein paar Jahren warf man Ihnen vor, Ihre Mitgliedschaft in der NSDAP verschwiegen zu haben.

Hildebrandt: Ich bin mir sicher, dass ich nie einen Antrag ausgefüllt habe, noch einen unterschrieben habe. Ich war damals im April 1944 als 16-jähriger Flakhelfer in Oberschlesien gewesen. Diesen angeblichen Parteieintritt kann ich mir nur durch ein Sammelverfahren erklären.

SZ: Wann kamen Sie erstmals mit dem Theater in Kontakt?

Hildebrandt: Ich studierte in München Theaterwissenschaft, ohne zu wissen, dass diese Wissenschaft am allerfernsten ist vom Theater selbst. Ein Kommilitone war Platzanweiser in dem von Erich Kästner mitgegründeten Kabarett "Die kleine Freiheit". Als er wegzog, übernahm ich. Ich stand jeden Abend hinterm Vorhang, spürte das Theater - und bekam dafür auch noch 4 Mark 50 am Abend.

SZ: Wie haben Sie Kästner erlebt?

Hildebrandt: Er kam eines Tages in das Programm und mit ihm ein dicker Mann, der mir unsympathisch war. Ich hatte einen geborgten Anzug an mit einem Fleck auf der Schulter, der mir sehr peinlich war. Der Mann tippte mit seinem dicken Finger auf meinen Fleck und scherzte: "Geiger, was?" Ich tippte auf seinen Bauch und sagte: "Schwanger, wie?" Der Kästner hat hellauf gelacht.

SZ: Konnten Sie von dem Verdienst als Platzanweiser leben?

Hildebrandt: Ach, ich hab noch andere Jobs gemacht. Ich war Nachtwächter in einem Jugendheim und durfte dort frei wohnen. Die längste Zeit fuhr ich Regenschirme mit dem Fahrrad aus. Und ein halbes Jahr war ich Aushilfskraft bei der Deutschen Bau- und Bodenbank.

Dieter Hildebrandt - Bilder einer Karriere

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