Geschichte Lose aus der Suppenschüssel

Werbe-Postkarte der Bausparkasse Wüstenrot aus dem Jahr 1937. Der erste Bausparvertrag des Unternehmens ging im Gründungsjahr 1924 an einen Eisenbahnoberinspektor aus Heidenheim.

(Foto: TV-yesterday)

Die Idee der Spargemeinschaften ist sehr alt. In Deutschland entstand die erste Bausparkasse erst 1921.

Von Jochen Bettzieche

Automobil, Buchdruck, Rechenmaschine und Bausparvertrag - alles deutsche Erfindungen? Nein, nicht ganz. Die Wurzeln des Bausparens befinden sich nicht zwischen Alpen und Nordseeküste.

Die Grundidee, Spargemeinschaften zu gründen, ist schon ziemlich alt. Das Bausparkassenfachbuch der Landesbausparkassen verweist auf China in vorchristlicher Zeit. Schon um das Jahr 200 vor Christus, zu Zeiten der Han-Dynastie, haben Chinesen gemeinnützige Spargesellschaften auf Gegenseitigkeit gegründet, die Li Wi. Das Prinzip: Mehrere Personen zahlen in einen gemeinsamen Topf. Aus dem können sie sich dann Geld für einzelne Projekte leihen.

Was die Mitglieder der Li Wi mit dem gesammelten Geld finanziert haben, ist heute nicht eindeutig nachvollziehbar. Es können Baumaßnahmen gewesen sein, müssen aber nicht. "Ich wäre da vorsichtig, die Li Wi mit den Bausparkassen direkt in Verbindung zu bringen", sagt Jakob Smigla-Zywocki, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Volkskunde/Europäische Ethnologie an der Westfälischen Wilhelmsuniversität in Münster.

Ähnliche Ansätze existieren heute auch noch, beispielsweise im Bereich der Mikrokredite. Im Laufe der Jahrhunderte schlossen sich immer wieder Menschen zu Spargemeinschaften zusammen. "Schon früh waren diese Modelle wohl im Mittleren Osten verbreitet", sagt Sebastian Flaith, Sprecher der Bausparkasse Schwäbisch Hall.

Erste nachgewiesene Modelle, bei denen es ausschließlich um den Bau von Immobilien ging, sind die britischen Building Societys. 1775 wurde in Birmingham die Ketley's Building Society ins Leben gerufen. Gründer war Richard Ketley, Betreiber des Gasthauses Golden Cross. Für ihn hatte das Projekt einen positiven Nebeneffekt: Die Mitglieder trafen sich regelmäßig in seiner Gaststätte und sorgten dabei für Umsatz.

Die Idee kam gut an. Nach Angaben des Verbands Building Societies Association in London existierten 50 Jahre später im ganzen Land bereits 250 dieser Gesellschaften, 1860 waren es schon mehr als 2750. Ziel war, abseits von Banken und Finanzmärkten Kapital für den Hausbau aufzubringen. Vom heutigen Konzept der Bausparkassen unterschieden sie sich allerdings in mehreren Punkten. So handelte es sich um geschlossene Gesellschaften. Spätere Beitritte waren nicht möglich. Per Los wurde entschieden, wer zuerst von dem Geld ein Haus bauen durfte. Der Bauherr zahlte das Darlehen dann schrittweise zurück. Zusätzlich konnte sein Haus als Sicherheit gegenüber Banken gelten. "Wenn das letzte Mitglied sein Haus errichtet hatte, wurde die Gesellschaft aufgelöst", erklärt Historiker Smigla-Zywocki die Vorgehensweise. In den meisten Fällen klappte das gut. Das Konzept hielt mehr als 200 Jahre. 1980 wurde die letzte dieser Gesellschaften geschlossen.

Der große Ansturm blieb aus: "Nach einem Jahr gab es nur um die 30 Einzahler."

Andere Länder in Übersee haben die Building Societys schnell übernommen. In den USA war es laut Bausparkassenfachbuch 1831 so weit, 1832 folgten Neuseeland, 1833 Südafrika und ein Jahr später dann Brasilien. In Deutschland ging es erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts los - mit wenig Erfolg. Friedrich von Bodelschwingh gründete 1885 die Bausparkasse für Jedermann. Der große Ansturm blieb aus. "Nach einem Jahr gab es nur um die 30 Einzahler", weiß Smigla-Zywocki. Bereits nach wenigen Jahren war wieder Schluss. Überraschend kam das nicht. Bereits zuvor waren in den 1880er-Jahren die Breslauer Bauspargenossenschaft und die Darmstädter Baugenossenschaft liquidiert worden. Das Konzept der drei Gesellschaften konnte nicht aufgehen. Die Gründer hatten jeweils allein die Arbeiterschaft der aufstrebenden Industrie zur Zielgruppe gemacht. "Die Arbeiter hatten aber ein zu geringes Einkommen, zahlten zu wenig ein, und so dauerte es zu lange, bis ein Darlehen vergeben werden konnte", nennt Smigla-Zywocki den Grund.

Die Bausparkassen in Deutschland, die heute noch am Markt sind, entstanden erst nach dem Ersten Weltkrieg. 1921 gründete Georg Kropp die Gesellschaft der Freunde Wüstenrot (GdF) in der gleichnamigen Gemeinde. Er löst die Kasse nach wenigen Monaten wieder auf, da sein Modell wegen der hohen Inflationsrate nicht funktioniert. 1924 ruft er sie wieder ins Leben, und der erste Bausparvertrag wird vergeben. Allerdings handelt es sich bei der GdF vorerst um ein lokales Projekt. "Das war so eine Art Vereinskasse für das Dorf", sagt Flaith. Die Vergabe von Baudarlehen erfolgt auch hier per Losentscheid. Smigla-Zywocki kennt ein Foto von einer Vergabe: "Da zieht Kropps Tochter Lotte die Lose aus dem familieneigenen Suppentopf."

In den folgenden Jahren entstanden in Deutschland immer mehr Bausparkassen. So gründeten 1931 Kölner Handwerker die Deutsche Bausparer AG, Bau-, Spar- und Entschuldungskasse, aus der die Bausparkasse Schwäbisch Hall hervorgegangen ist. Ende 1929 entstand die Öffentliche Bausparkasse für Bayern, Vorläufer der LBS Bayern.

Erst Ende der 1930er-Jahre verschwand das Losverfahren. Das gerechtere Zuteilungsverfahren - so wie es heute noch üblich ist - rückte an seine Stelle. Es berücksichtigt, wie lange ein Sparer in den gemeinsamen Topf eingezahlt hat.

Seitdem haben sich die Bausparkassen nicht mehr groß verändert, und fast jeder Deutsche kennt ihre Werbesprüche, die von Steinen handeln, auf die man bauen kann und von der Zukunft, die ein Zuhause bekommt.