Diese Brille sieht nichts Rosarot

Initiative gegen Google Glass /
Von Bernd Graff
/ Veröffentlicht am , im Keep Me Covered!

"Wir benötigen mehr als nur neue Gesetze dagegen. Wir müssen müssen unseren gesellschaftlichen Begriff von 'Privatsphäre' überhaupt neu definieren." 

(Foto: (CC))

Noch sind die Dinger gar nicht draußen. Aber der zum Voll-Nerd konvertierte Bild-Chefredakteur Kai Diekmann hatte sich in seiner Sommerresidenz in Silicon Valley als Tester beworben: "Ich sehe soviel besser damit aus!", twitterte er wie andere auch unter dem Hashtag #ifihadglass, und siehe da!, er wurde erhört. So lief es Gründonnerstag über die Agenturen.

Gemeint ist die Datenbrille Google Glass, die Diekmann nun aufsetzen darf und sich damit nicht nur selber - wie er meint - optisch verbessert. Nein, er wird sich damit sogar (endlich?) seine Sicht der Dinge erklären lassen, beziehungsweise: der Welt jederzeit mitteilen können, was sein Auge so gerade erfasst.

Kai will es wissen, die Welt wird es wohl auch mitunter irgendwie wissen wollen, wenn auch nicht immer und zu jeder Lebensgelegenheit von Diekmann.

Doch nicht alle Menschen warten so sehnsüchtig auf die Info-Brille wie Diekmann. Ja, es gibt sogar intelligentes Leben auf diesem Planeten, das die Google-Gläser grundlegend ablehnt. Das "5 Point Cafe" in Seattle ist das erste Etablissement (in den USA, vielleicht sogar weltweit), das bereits einen Bann über diese Gläser an seiner Eingangstür ausgesprochen hat.

Das "5 Point Cafe" weist mit diesem Schild darauf hin, dass man Googles Gläser nicht dulde.

(Foto: 5 Point Cafe (CC))

Man wolle - so steht es unter dem Keyword: "öffentliches Ärgernis" - die Privatsphäre seiner Kunden schützen. Die derjenigen, die ein solches Öffentlichkeitsradar auf der Nase tragen, wie derjenigen, die im Cafe damit gescannt, gefilmt und fotografiert werden können, ohne es zu bemerken. Aus London stammt eine Initiative gegen dieses Gadget für Augmented Reality, die sich "Stop The Cyborgs" nennt. (Sie hat auch das neue, hier wiedergegebene Verbots-Emblem entworfen und unter Creative Commons-Lizenz gestellt.)

Cyborgs, das Kürzel steht für Kybernetische Organismen, sind Zwitterwesen aus Mensch und vernetzter Maschine. Diese Brille, so steht es im Gründungsmanifest der Initiative, ist ein "tragbarer Computer, der als Kamera benutzt werden kann, und zwar so, dass der Aufgenommene gar nicht feststellt, dass er gerade ins Internet hochgeladen wird." Und weil die Gläser eben diesen Zugang zum Netz haben, kann ein Fremder (früher oder später) Informationen über sein gefilmtes Gegenüber einholen und alles wissen, ohne dass das Gegenüber davon weiß. Darum wollen "Stop The Cyborgs" von Google und seinen (garantiert bald auftauchenden) Nachahmern gewährleistet sehen, dass

  • 1. niemals damit Face Recognition (Gesichtserkennung) statthaft sein darf,
  • 2. ein "Do Not Track"-System implementiert wird, das es Einzelpersonen ermöglicht, den Zugriff auf ihre persönlichen Daten komplett zu verweigern,
  • 3. persönliche Informationen, welche die Brille sammelt, immer Eigentum ihres Besitzers bleiben,
  • 4. die aufgezeichneten Daten verschlüsselt aufgezeichnet werden, damit sie nicht für Data Mining genutzt werden können, also weder in die Hände von Regierungen und Sicherheitsdiensten geraten oder für kommerzielle Verwendung ausgewertet und eingesetzt werden können.
  • Die größte Sorge der Gruppe ist, dass man als (gefilmtes?) Gegenüber eben nie weiß, was das Nasending gerade tut. Auslöser ist ein Testbericht in "The Verge", in dem steht, dass man in einem Cafe zwar ein herkömmliches Kamerateam aus Datenschutzgründen herauskomplementiert habe, nicht aber den Träger der Brille, der weiterhin in aller Seelenruhe aus dem Cafe aufzeichnete und sofort ins Netz übertrug:

"At one point during my time with Glass, we all went out to navigate to a nearby Starbucks — the camera crew I'd brought with me came along. As soon as we got inside however, the employees at Starbucks asked us to stop filming. Sure, no problem. But I kept the Glass' video recorder going, all the way through my order and getting my coffee. Yes, you can see a light in the prism when the device is recording, but I got the impression that most people had no idea what they were looking at. The cashier seemed to be on the verge of asking me what I was wearing on my face, but the question never came. He certainly never asked me to stop filming."

"Wir benötigen mehr als nur neue Gesetze dagegen. Wir müssen müssen unseren gesellschaftlichen Begriff von 'Privatsphäre' überhaupt neu definieren." 

(Foto: (CC))

In Ars Technica kommt Woodrow Hartzog vom "Center for Internet and Society" an der "Stanford Law School" zu Wort, der Google Glass die "möglicherweise schlimmste Bedrohung für die Privatsphäre in der Öffentlichkeit" nennt. "Wir benötigen mehr als nur neue Gesetze dagegen. Wir müssen unseren gesellschaftlichen Begriff von 'Privatsphäre' überhaupt neu definieren."

("Google Glass is possibly the most significant technological threat to 'privacy in public' I've seen. In order to protect our privacy, we will need more than just effective laws and countermeasures. We will need to change our societal notions of what 'privacy' is.")

Anzuführen bleibt noch, dass sich die Film- und Musikindustrie auch kaum über die Aufnahmegläser freuen dürften: 80.000 dauerhaft abrufbare Live-Übertragungen von Konzerten und 600 abgefilmte Kopien eines Kino-Blockbusters sind wohl nicht das, was sie sich unter Urheberrechtsschutz-Gesichtspunkten als schöne neue Zukunft vorstellen dürften.

Mal abwarten also, was Kai Diekmann demnächst von seinem Nasenfahrrad rüberfunkt.