Smartphone Apples neue Notruf-Funktion nervt die Polizei

Die Rufnummer 110 sollte nur in Notfällen gewählt werden. Und nicht von einem Hintern.

(Foto: dpa)
  • Mit der neuen Notfall-Funktion können Nutzer eines iPhone 8 oder iPhone X sehr einfach den Notruf wählen.
  • Seit Oktober sind einem Medienbericht zufolge allein aus einer Reparatur-Werkstatt von Apple in Kalifornien 1.600 falsche Notrufe bei der Polizei eingegangen.
  • Diese unabsichtliche Anrufe überfordern Notrufzentralen und blockieren die Leitung für echte Notfälle.
Von Marvin Strathmann

Zwei Tasten gedrückt halten, einige Sekunden warten und schon ist die Polizei am Telefon. Mit dem iPhone 8 und dem iPhone X von Apple können Nutzer schneller und einfacher den Notruf wählen. Auch mit der Apple Watch sind Retter nur einen etwas längeren Tastendruck entfernt. Das kann Leben retten, aber auch zu Chaos führen. Seit Apples neue Handys im September in die Läden kamen, häufen sich Beschwerden über unabsichtliche Notrufe. Damit überfordern Nutzer Notrufzentralen und blockieren die Leitung für echte Notfälle.

Selbst Mitarbeiter von Apple kontaktieren immer wieder aus Versehen Einsatzkräfte: Seit Oktober wird die Polizei im kalifornischen Elk Grove etwa 20 Mal pro Tag von Apples Reparaturwerkstatt in der Stadt angerufen, berichten lokale Medien. Insgesamt 1600 falsche Notrufe gab es demnach in den letzten vier Monaten von dort. Meist sei niemand in der Leitung, manchmal hörten die Polizisten Gespräche über Reparaturen oder Techniker, die im Hintergrund arbeiten.

Es ist unklar, welche Apple-Geräte konkret für die vielen Notrufe verantwortlich sind. "Wir nehmen die Vorfälle ernst und arbeiten mit den Behörden zusammen, um die Ursache herauszufinden", sagte ein Apple-Sprecher dem Lokalsender CBS13.

30 Prozent unabsichtliche Notrufe laut Google

Smartphones machen es generell einfach, den Notruf zu wählen. Das Feature funktioniert unter anderem in Deutschland ohne Guthaben. Selbst wenn das eigene Netz nicht verfügbar ist, werden Polizei und Feuerwehr zuverlässig kontaktiert. Auch dass das Handy gesperrt ist, ist in der Regel kein Hindernis. Grundsätzlich sind diese Einstellungen sinnvoll. Wer will schon in einer echten Notsituation, in der es um Sekunden geht, erst die PIN eingeben oder das Guthaben aufladen. Aber aus dem selben Grund können Notrufe leicht missbraucht werden und die Arbeit der Retter behindern.

"Butt Dials" nerven Notrufzentralen

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Selbst wenn keiner antwortet, müssen Mitarbeiter in der Notrufzentrale den Anruf prüfen. Der Anrufer könnte schließlich bewusstlos sein. 2015 stellte Google in einer Untersuchung fest, dass 30 Prozent der Notrufe in San Francisco aus Versehen abgesetzt wurden. Butt Dial oder Pocket Dial werden diese Anrufe auf Englisch genannt: Anrufe durch den Hintern oder die Hosentasche.

Was iPhone-Nutzer über die Notruf-Funktion wissen sollten

  • iPhone 8, iPhone 8 Plus und iPhone X: Nutzer müssen die Seitentaste und eine der Lautstärketasten gedrückt halten, bis ein Schiebregler "Notruf SOS" erscheint. Diesen Schieberegler können Nutzer nach unten ziehen, um einen Notruf abzusetzen oder einen dreisekündigen Countdown abwarten, der gleichzeitig mit einem Signalton ausgegeben wird.
  • iPhone 7 oder ein älteres Modell: Bei diesen Modellen müssen Nutzer etwas mehr Aufwand betreiben. Sie müssen fünfmal schnell hintereinander die Seitentaste drücken, dann wird ein der Schieberegler angezeigt. Wer über ihn wischt, erreicht die Rettungsdienste.
  • Apple Watch: Mit der smarten Uhr ist der Notruf noch einfacher zu erreichen als mit den neusten iPhone-Modellen. Nutzer halten nur die Seitentaste gedrückt, um zu Schieberegler und Countdown zu gelangen.

Apple hat die automatische Notruf-Funktion mit dem Betriebssystem iOS 11 für iPhones und WatchOS 3 für die Apple Watch eingeführt. Nutzer können sie in den Einstellungen unter "Notruf SOS" deaktivieren. Der Schieberegler taucht dann immer noch auf, aber der automatische Countdown verschwindet, nach dem das Gerät automatisch wählt. Für die Apple Watch müssen Nutzer die zugehörige App auf dem Smartphone öffnen, dann "Meine Uhr", "Allgemein" und "Notruf SOS" wählen. Hier können sie den automatischen Anruf deaktivieren.

Apples Notruf-Probleme

Die vielen Beschwerden zeigen: Mit den neuen iPhone-Versionen hat es Apple den Nutzern offenbar etwas zu einfach gemacht. Auf Reddit und Twitter beschweren sich Menschen, dass sie immer wieder unabsichtlich Rettungsdienste oder vorher in den Einstellungen eingerichtete Notfallnummern kontaktieren. Manche berichten, dass sie einmal in der Woche aus Versehen einen Notfallanruf absetzen.

Zudem berichten einige Nutzer von einem weiteren Fehler: Sie könnten Anrufe nicht auflegen. Auf Twitter berichtet etwa ein User, dass sein iPhone unabsichtlich die Notrufzentrale angerufen hätte und er die Retter bitten musste, das Gespräch zu beenden.

Hundertprozentiger Notruf

Schon einen Tag nachdem Apple das iOS-11-Update im September veröffentlicht hatte, gab es Probleme mit der Notruf-Funktion: Die Polizei von Toronto beschwerte sich auf Twitter über zu viele Testanrufe, die in der Notrufzentrale eingegangen waren: "Bitte testet das Feature nicht, es funktioniert sehr gut."

Im November wurde bekannt, dass Apples Sprachassistent Siri den Notruf wählt, wenn man ihm den Befehl "100 Prozent" gibt. Normalerweise zeigt Siri die Dezimalzahl für einen Prozentwert an, beispielsweise 0,48 für den Befehl "48 Prozent". Warum genau der Assistent nach diesem Befehl den Notruf wählt, ist bislang unklar. Apple hat sich damals nicht zu dem Fall geäußert. Die Nummer 100 wird unter anderem in Indien, Griechenland oder Israel für Notrufe verwendet und könnte deshalb als Notfallnummer bei Siri hinterlegt sein. Bei einem aktuellen Test mit einem iPhone 6 Plus trat das Problem nicht mehr auf.

Schon 2015 hatte Apple mit einem ähnlichen Fehler zu kämpfen. Damals löste der Befehl "Charge my phone 100 percent" - lade mein Handy zu 100 Prozent auf - den Notruf aus. Auch der simple Befehl "Phone 100" verband Nutzer damals mit den örtlichen Rettungsdiensten.

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