Smart City New York "Big Brother vor meinem Fenster"

New York soll flächendeckend mit Wlan-Säulen ausgestattet werden, damit sich die Menschen überall kostenlos informieren können.

(Foto: Victor J. Blue/Bloomberg)

New York will allen Bewohnern kostenlosen Zugang zum Internet bieten, via Tausender Wlan-Säulen. Google finanziert diese maßgeblich - und saugt im Gegenzug die Daten der Nutzer ab.

Von Kathrin Werner, New York

Judith Barnes lehnt sich auf die Fensterbank in ihrem Wohnzimmer und blickt grimmig hinaus. Auf dem Bürgersteig, direkt vor ihrem Fenster, steht das Objekt ihrer Wut: eine silbergraue Säule, gut drei Meter hoch, schlank und metallisch glänzend. Sie sieht aus wie von einem anderen Stern - hier zwischen den alten, braunroten Reihenhäusern in Brooklyn. Die drei Bildschirme sind noch schwarz, die Kameras filmen noch nicht, die Säule ist noch nicht eingeschaltet. Barnes fürchtet den Tag, an dem der Techniker den Schalter umlegt. Wird die Säule in ihre Wohnung filmen? "Die behaupten, dass die Kamera nicht angestellt wird", sagt sie. "Aber auf solche Zusagen kann man sich nicht verlassen, nicht in der heutigen Zeit."

New York will eine Smart City werden - und Smartness geht nicht ohne Internet, findet die Stadtverwaltung. Die Säule vor Barnes' Fenster ist ein Hotspot für Internetzugang per Wlan. Fast 1000 davon hat das Projekt LinkNYC schon installiert. 7500 sollen es insgesamt werden. Den Steuerzahler und den Nutzer kostet das Ganze nichts. Indirekt hat sich die Stadt dafür mit Google zusammen getan, auch wenn das auf den ersten Blick nicht erkennbar ist.

Gezielte Anzeigen

LinkNYC ist ein Projekt der Stadtverwaltung und eines Unternehmenskonsortiums namens Citybridge. Führend in dem Konsortium ist eine Firma namens Intersection. Intersection gehört zu Sidewalk Labs. Und Sidewalk Labs ist eine Tochterfirma von Alphabet, dem Mutterkonzern von Google. 200 Millionen Dollar steckt Citybridge allein in die Kabel für die Hotspot-Säulen. Finanziert werden soll das Projekt durch Werbung - der Konzern saugt Daten der Internetnutzer ab, um gezielt Anzeigen schalten zu können. Laut Schätzungen bringt jede Säule Werbeeinnahmen von 30 000 Dollar pro Jahr, einen Teil davon muss Citybridge an den New Yorker Haushalt überweisen. "Big Brother vor meinem Fenster", sagt Barnes.

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Die Idee der Politiker war gut. An den Säulen sollen sich die New Yorker Bürger kostenlos informieren können, wann die nächste U-Bahn fährt, wo man in der Nähe eine Bank findet oder was gerade in der Welt los ist. Zugang zum Internet gilt inzwischen als Menschenrecht, New York hat ihn zur Priorität erklärt.

Es gibt noch weitere Projekte für Internetzugänge in der Stadt, zum Beispiel kann man sich seit dem Jahresanfang an allen 279 U-Bahn-Stationen in ein öffentliches Wlan-Netz einwählen, fast sechs Millionen Passagiere pro Tag haben so kostenlosen Zugang zum Netz. Gerade hat die Stadt außerdem den Internetanbieter Charter Communications dazu gebracht, armen New Yorkern einen Spezialvertrag über einen monatlichen Internetanschluss für 15 Dollar anzubieten. "Zugang zu bezahlbarem Highspeed-Internet sollte kein Luxus für einige wenige sein - es ist zunehmend wichtig für alle in unserer heutigen Gesellschaft", sagt Letitia James, die als Public Advocate eine Art Ombudsfrau für die Interessen der Bevölkerung in der Stadtverwaltung ist. "Junge wie alte New Yorker sind auf Internetzugang angewiesen für ihre Hausaufgaben, für Jobbewerbungen und andere Aspekte des Lebens, haben aber zu oft keinen Zugang zu Hause, weil es zu teuer ist."

Doch die New Yorker ziehen nicht so mit, wie die Stadt sich das vorgestellt hat. Im vergangenen Sommer rotteten sich große Gruppen vor den Wlan-Säulen zusammen, sie tranken Bier und schauten Sportveranstaltungen, manche brachten sogar Möbel mit, um es auf dem Bürgersteig bequemer zu haben. Obdachlose hörten laut Musik und schauten hin und wieder sogar Pornos. Zugangssperren und Filter halfen nicht. Nach ein paar Monaten schaltete LinkNYC die Webbrowser der in die Säulen eingebauten Tablet-Computer wieder aus. "Die Säulen waren nie für die exzessive persönliche Nutzung gedacht", schrieb LinkNYC. Auch die Helligkeit des Displays, auf dem rund um die Uhr Anzeigen zu sehen sind, und die maximale Lautstärke während der Nacht reduzierte der Anbieter nach Beschwerden.