"Sifftwitter" Eine Welt, in der Morddrohungen Satire sind

Luca Hammer hat Twitter-Netzwerke visualisiert, die farbigen Linien stellen Verbindungen zwischen einzelnen Accounts dar. Rechts die Trolle, links die Ziele ihrer Attacken.

(Foto: Luca Hammer)

Leg dich nicht mit "Sifftwitter" an: Das Netzwerk startet digitale Mobbing-Attacken gegen Andersdenkende. Was für die Angreifer ein Spiel ist, hat für die Opfer üble Konsequenzen.

Von Simon Hurtz, Berlin

Dieser Text ist heikel. Die Tatsache, dass diese Zeilen geschrieben, gelesen und geteilt werden, wird Menschen Aufmerksamkeit bescheren, für die Aufmerksamkeit alles bedeutet. Menschen, die im Internet spotten und pöbeln, beleidigen, belästigen und bedrohen. Dieser Text handelt von Trollen.

Die Trolle, um die es in diesem Text geht, suchen sich ihre Opfer auf Twitter. Vielen Menschen in Deutschland gilt Twitter immer noch als "der Kurznachrichtendienst", auf dem die "Netzgemeinde" 140-Zeichen-Botschaften veröffentlicht, die gelegentlich in der Tagesschau zitiert werden. Vielen Menschen in Deutschland ist Twitter also relativ gleichgültig. Und selbst in der deutschen Twitter-Nische spielen die Trolle keine besonders große Rolle. Warum sollte man ihnen dann Aufmerksamkeit schenken?

So unwichtig die Trolle für einen Großteil der Menschen sind, so bedrohlich wirken sie auf jene, die zur Zielscheibe ihrer Aktionen werden. Bislang war nur wenig über das betreffende Netzwerk bekannt. Mittlerweile gibt es eine Datengrundlage, die es ermöglicht, nüchtern zu berichten und zu verstehen, wie es ein paar Hundert digitale Accounts schaffen, massiv in das analoge Leben der Attackierten einzugreifen.

"Im September 2016 bin ich auf einen koordinierten Angriff der Trolle aufmerksam geworden", sagt Luca Hammer. Der Medien- und Kommunikationswissenschaftler hat daraufhin Tweets gesammelt und die Daten visualisiert. "Anschließend bin ich selbst ins Kreuzfeuer geraten und beleidigt worden. Erst hat mir das Angst gemacht, aber dann habe ich mir ihre Aktionen genauer angeschaut und mit etwas Abstand beobachtet."

Schockbilder und wüste Beleidigungen

Hammers Eindruck nach mehreren Monaten: Binnen- und Außenwahrnehmung der Trolle unterscheiden sich deutlich, tatsächlich sei ein Teil des Netzwerks weniger extrem, als es bei oberflächlicher Beschäftigung erscheine. "Das ist ein typischer Troll-Mechanismus, wie er auch bei Imageboards wie 4chan auftritt. Innerhalb der Community sind Schockbilder und wüste Beleidigungen völlig normal."

Diese Gemeinschaften nutzten Sprache, um sich abzugrenzen und sich als Subkultur zu definieren. Das werde zum Problem, sobald Dritte ins Spiel kämen: "Wir sind diese derbe Ausdrucksweise nicht gewohnt. Was für die Trolle nur ein Spaß ist, wirkt auf Außenstehende verstörend." Das Spektrum der Beleidigungen reicht von harmlosen Sticheleien über Kraftausdrücke wie "Fiqqhure" und Nazi-Symbolik bis zu mehr oder weniger eindeutigen Morddrohungen - für die Trolle nur Satire, für die Opfer ein Grund, die Haustür doppelt abzuschließen.

So setzt sich das Sifftwitter-Netzwerk zusammen. Je größer die Schrift, desto einflussreicher und aktiver ist der jeweilige Account.

(Foto: Luca Hammer)

Diese Sorge hält Hammer durchaus für berechtigt: "Da kommt ein klassisches Mobbing-Phänomen ins Spiel: Neun beleidigen, einer schlägt zu." Insgesamt bestehe das Netzwerk, das häufig als "Sifftwitter" bezeichnet wird, aus knapp 1000 Accounts. An größeren Aktionen beteiligen sich meist ein paar Hundert Accounts. "Ein Großteil beschränkt sich aufs Pöbeln und Provozieren. Trotzdem stachelt das Einzelne an, noch weiter zu gehen. Und Opfern fällt es dann natürlich schwer zu unterscheiden, wo der vermeintliche Spaß aufhört und wann eine Strafanzeige bei der Polizei angebracht ist."

Wobei auch eine Anzeige kaum dazu führt, dass die Attacken nachlassen. Mehrere Personen, die diesen Weg wählten, bekamen Monate später Post von der Staatsanwaltschaft: Das Verfahren sei eingestellt worden. Dabei wurden sie massiv bedroht, teilweise hatten die Trolle ihre Privatanschriften veröffentlich oder Fotos der Familie ins Netz gestellt. Doch das reformbedürftige deutsche Stalking-Gesetz und Ermittler, für die digitale Drohungen noch immer nichts mit "dem echten Leben" zu tun haben, verhindern oft eine effektive Strafverfolgung.