Netzneutralität Komaglotzen kann die Freiheit gefährden

Die HBO-Serie "Game of Thrones" können Kunden von T-Mobile USA jetzt unterwegs schauen, ohne sich Sorgen um ihr Datenvolumen zu machen. Im Bild: Emilia Clarke als Daenerys Targaryen

(Foto: AP)

Klingt nach guter Unterhaltung - und nach Zwei-Klassen-Internet: Ein US-Konzern rechnet HBO, Netflix & Co. nicht mehr aufs Datenvolumen an.

Von Jannis Brühl

Auf dem magentafarbenen Teppich ließen sich Models fotografieren, Bruno Mars sang auf der Bühne. John Legere, der Manager mit der Attitüde eines Rockstars, twitterte: "Habt Ihr gesehen, wie wir noch ein Nutzerproblem gelöst haben?" Mit einer Show in Los Angeles stellte die US-Tochter der Telekom am Dienstag ihr neues Angebot vor: Sie bevorzugt künftig Netflix, HBO, den Sportsender ESPN und 21 andere Videodienste. Auf deren Videos haben Kunden Zugriff, ohne das Datenvolumen ihrer Mobilgeräte anzukratzen. Das ist revolutionär - fragt sich nur, ob im Guten oder Schlechten. Was für Nutzer ein Traum ist, macht Verfechter des freien Internets wütend, die einen zu großen Einfluss von Konzernen fürchten. Sie halten das Angebot von T-Mobile USA für einen der dreistesten Schritte in Richtung Zwei-Klassen-Internet, in dem sich Unternehmen Sonderrechte sichern können.

Videos brauchen am meisten Bandbreite, sie saugen das Datenvolumen schnell leer

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Das Angebot können US-Kunden nutzen, die Verträge über ein Datenvolumen von drei Gigabyte oder mehr im Monat haben. Von Sonntag an können sie Videos der teilnehmenden Dienste auf dem Smartphone anschauen, ohne dass die dabei verbrauchten Daten auf ihr Kontingent angerechnet werden. Das löst das Problem vieler Serienfans, die unterwegs Folgen schauen wollen. Videos brauchen am meisten Bandbreite, sie saugen das vereinbarte Datenvolumen schnell leer. Zwölf Folgen der HBO-Serie "Game of Thrones" verbrauchen T-Mobile USA zufolge mehr als sechs Gigabyte. So viel problemlos zu streamen, war bisher nur mit unbegrenztem Datenvolumen machbar. Das Angebot wird möglich, weil T-Mobile Videos komprimiert in niedriger, handygerechter Auflösung durchleitet - und weil das Unternehmen ins schnelle Handynetz investiert hat.

"Binge On" nennt die Telekom die Option. Das kommt von "binge watching", was man am besten als Komaglotzen übersetzt, der Lieblingsbeschäftigung aller Serien-Junkies. Am besten ein Dutzend Folgen am Stück. Ein anderes Verb benutzt das einflussreiche Tech-Blog The Verge in einem Kommentar zum Thema: "to fuck up". Jugendfrei übersetzt lautet die Schlagzeile: "T-Mobile USA hat ein Handbuch geschrieben, wie man das Internet kaputt macht". Denn Zero Rating, wie das Bevorzugen bestimmter Inhalte beim Datenverbrauch heißt, gilt als Verstoß gegen die Netzneutralität. Wenn Netzbetreiber entscheiden, welche Daten dem Kunden schmackhaft gemacht werden und welche nicht, geht das auf Kosten jener Unternehmen und Nutzer, die dieses Privileg nicht genießen. Sei es, weil sie den Netzbetreiber nicht bezahlen oder dessen technische Anforderungen nicht erfüllen. Dass die Debatte über Netzneutralität auch Deutschland berührt, weiß insbesondere die Telekom. Vor zwei Wochen musste sie sich Vorwürfe bis hin zu dem der Schutzgelderpressung anhören. Nach Verabschiedung der umstrittenen Regeln zur Netzneutralität im EU-Parlament hatte Konzernchef Timotheus Höttges umgehend erklärt, Start-ups könnten ihre Daten gegen "eine Umsatzbeteiligung von ein paar Prozent" bevorzugt durch sein Netz leiten. Der Aufschrei von Internet-Aktivisten und Start-up-Betreibern war groß. Die neuen Regeln zur Netzneutralität erlauben Betreibern, "Spezialdienste" bevorzugt durchzuleiten. Welche Daten als solche gelten, müssen die Behörden noch festlegen. Zero Rating bietet die Deutsche Telekom schon an: Ein Tarif ermöglicht es Kunden, Musik über Spotify zu hören, ohne ihr Datenvolumen anzuknabbern. Das Netz ist also auch in Deutschland nicht mehr wirklich neutral.