Islamischer Staat Propaganda-Abteilung des IS blamiert sich im Netz

Die Terroristen versuchen sich als Computer-Cracks zu inszenieren, die verschlüsselt kommunizieren. Edward Snowden urteilt: Sie können nicht mal richtig faken.

Von Hakan Tanriverdi, New York

Es ist ein einzelner Buchstabe: ein H. Es ist der achte Buchstabe im Alphabet. Es ist ein Buchstabe, der im Hexadezimalsystem nicht vorkommt. Ein Programmierer weiß das. Es ist sein Einmaleins. Die Menschen, die für den Islamischen Staat (IS) arbeiten, wissen es anscheinend nicht.

Dieses kleine Detail ist wichtig, weil der IS erstens eine Terrorgruppe ist und sich zweitens auf eine ausgeklügelte Propagandamaschine verlässt. Die Terroristen inszenieren sowohl ihre Hochglanz-Magazine als auch gefilmte Morde an Kriegsgegnern und "Ungläubigen". Sie schicken Kamerateams durch die von ihnen kontrollierten Gebiete, die lassen die Kopfabschneider mitunter ihre Sätze mehrfach aufsagen und von Karten ablesen. Alles, was gezeigt wird, dient einem Zweck: Panik zu verbreiten, und neue Radikale anzuwerben.

So ist es auch mit dem neuen Video der Terroristen, das stundenlang online abzurufen war, bevor die großen Netzwerke reagierten.

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"Begin PGP message"

Gleich in den ersten Sekunden des Videos ist ein Satz zu lesen, den Geheimdienste weltweit fürchten: "Begin PGP message", etwa: Beginne mit der verschlüsselten Kommunikation. Wer sich so austauscht, kann den Inhalt seines Gesprächs schützen. Selbst wenn ein Geheimdienst die Botschaft abfängt, kann er nur eine wirre Folge von Zahlen und Buchstaben lesen. Den eigentlichen Inhalt kennen nur Absender und Empfänger.

Was der IS mit seinem Video sagen will: Ihr könnt nicht länger mitlesen. Wir schützen uns, wir sind schlauer als ihr. Was das Video aber tatsächlich aussagt, ist: Seine Macher sind in Fragen der Internet-Sicherheit Stümper. Hier kommt das H ins Spiel. Denn an einer Stelle des Videos heißt es: "main key ID 1548OH76".

Es gibt gar kein H

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Computerprogramme basieren auf Einsen und Nullen, dem Binärsystem. Das kann schnell unübersichtlich werden. 010100001010110000111111 ist für eine Maschine einfach zu lesen, für Menschen nicht. Deswegen nutzen Menschen das Hexadezimalsystem. Das eignet sich gut, da die Basis aus 16 Ziffern besteht und Computer in Bytes arbeiten. Die bestehen wiederum jeweils aus acht Bit und lassen sich deshalb übersichtlich darstellen. Im Hexadezimalsystem werden deshalb die Ziffern 0 bis 9 und die Buchstaben A bis F verwendet. Wären es nur Ziffern, wäre "12" nicht von "1" und "2" zu unterscheiden. Aus 010100001010110000111111 wird auf diese Weise etwa "50AC3F". Das ist zumindest etwas einfacher.

Anders gesagt: Es gibt kein H. Jeder Programmierer weiß das. Wenn der IS nun damit angeben will, technisch auf der Höhe zu sein, aber gleichzeitig so einen Fehler begeht, ist das blamabel.

Die Frage nach den Verschlüsselungsfähigkeiten des IS hat politische Brisanz. Die Geheimdienste haben zwar Zugang zu sehr vielen Informationen, weil sie Metadaten von Kommunikation auswerten, also wer mit wem redet, wann und wo. Das kann sehr ergiebig sein. Der konkrete Inhalt aber fehlt.

Aber kann der IS seine Kommunikation tatsächlich verschlüsseln? Geheimdienstmitarbeiter teilten Journalisten der New York Times mit, dass der Drahtzieher der Paris-Attentate Verschlüsselung eingesetzt haben soll, vielleicht auch während der Koordination der Angriffe. Das Video wäre für diese Sichtweise quasi die offizielle Bestätigung.