Telefonüberwachung durch Geheimdienste Die Lüge von den Metadaten

Reine Telefon-Verbindungsdaten sagen viel mehr über Menschen aus, als nur wann, wo, wie lange und mit wem sie telefoniert haben

(Foto: REUTERS)

Von wegen "nur Metadaten": Forscher der Universität Stanford haben selbst getestet, was Verbindungsdaten alles über Menschen offenbaren. Mit dem Ergebnis hatten selbst die Wissenschaftler "nicht gerechnet".

Von Michael Moorstedt

Der Chief Technology Officer der CIA gab sich nicht gerade unbescheiden, als er über die Ziele und die Leistungsfähigkeit seiner Organisation referierte. "Mehr ist immer besser", sagte Ira Hunt. "Da man Punkte nicht verknüpfen kann, die man nicht hat, versuchen wir grundsätzlich alles zu sammeln, was wir sammeln können und es für immer zu behalten. Wir stehen sehr kurz davor, sämtliche von Menschen generierten Informationen verarbeiten zu können." Und weiter: "Wir wollen ein Werkzeug, das erklärt, wie all diese Menschen in allen nur denkbaren Wegen in Verbindung stehen."

Hunts Geprotze über die Potenz der amerikanischen Geheimdienste fand nicht etwa im Rahmen eines klandestinen Treffens statt, sondern ganz öffentlich, auf einer Branchenkonferenz zum Thema Big Data im Frühjahr 2013. Da war der Name Edward Snowden noch unbekannt, und der Auftritt von Ira Hunt war im aufgeregten Silicon Valley schnell vergessen. Drei Monate später war die Welt eine andere; und anders als in ihrem Rest verursachte in den USA nicht das Abhören von Internetverbindungen Aufregung, sondern vor allem die Enthüllung, dass die NSA permanent sogenannte Telefon-Metadaten amerikanischer Staatsbürger speichert.

Im Wust der akronymisierten Geheimdienstprogramme wie Prism, X-Keyscore oder Fairview firmiert die massenhafte Überwachung von Telefonverbindungsdaten unter dem Namen Mainway. Die Datenbank enthält, so wird geschätzt, die Verbindungsdaten von knapp zwei Billionen Gesprächen. In dieser Datenmasse sucht spezielle Software nach verdächtigen Mustern und Korrelationen. Zwar war die Existenz des Mainway-Programms bereits seit 2006 bekannt, größere Aufregung aber entstand darum erst, nachdem die Snowden-Dokumente öffentlich wurden.

In seiner ersten Presseerklärung nach den Geheimdienst-Leaks ging US-Präsident Obama zuallererst auf die Telefonüberwachung ein. Er sagte, dass es die NSA "nicht auf den Inhalt" der abgefangenen Telefongespräche abgesehen habe. "Niemand hört mit", so Obama. Auch der Bundesrichter William Pauley tat mögliche Bedenken von Datenschützern als "Parade von Schreckensszenarien" ab. Erst Ende 2013 urteilte er, dass das Sammeln von Verbindungsdaten verfassungskonform sei. Und die demokratische Senatorin Dianne Feinstein, die in der vergangenen Woche eine geharnischte Rede gegen die Bespitzelung von Abgeordneten durch die CIA hielt, sagte damals noch, es seien ja nur Metadaten gewesen, die man da gesammelt habe. Es würden keine Inhalte und keine Namen gespeichert, so Feinstein, die Speicherung der Metadaten sei vergleichbar mit der Telefonrechnung.

"Niemand hört mit", hatte Obama versichert. Doch nichts könnte irreführender sein

Meta, also. Ein nichtssagendes bis geheimnisvolles Präfix, das dem aufgebrachten Volk bedeuten soll, dass alles nur halb so schlimm sei. Aufgezeichnet werden nur die beteiligten Nummern, die Länge und den Zeitpunkt der Gespräche. All die kleinen schmutzigen Geheimnisse, die der unbescholtene Bürger in seinem Leben so bespricht, seien für den Staat hingegen nicht interessant, hieß es.

Naturgemäß widersprechen Datenschützer diesen Beschwichtigungen. So schrieb Matt Blaze, Kryptografie-Professor an der Universität von Pennsylvania: "Privatsphäre besteht aus mehr als nur dem Klang unserer Stimmen. Der Inhalt mag das sein, was wir sagen. Metadaten sind, was wir tun." Der Sicherheitsexperte Bruce Schneier sekundierte im September: "Metadaten sind die Message." Die impliziten, oftmals verborgenen Beziehungen der Bürger untereinander, der soziale Kontext des Einzelnen und von Gruppen - all das werde durch Metadaten abgebildet.

Welche Seite hat nun recht, Datenschützer oder Datenscheffler? Ein wenig Empirie würde der Diskussion nicht schaden. Deshalb arbeitete ein Team des Center for Internet and Society der Universität Stanford rund um den renommierten IT-Sicherheitsforscher Jonathan Mayer seit vergangenem November an einer Studie, um herauszufinden, wie relevant für den Bruch der Privatsphäre die Metadaten nun wirklich sind. Ihre Prämisse lautete: Wer herausfinden will, wie viel die NSA weiß, muss sich nur so wie die NSA verhalten.