Internet der Dinge Maschine chattet mit Maschine

Das Internet der Dinge bringt Maschinen mit Maschinen zusammen: Autoproduktion mit Robotern

Kameras erkennen Blindenhunde automatisch: Im Silicon Valley entwickeln Programmierer das Internet der Dinge. Der Datenstrom wird sich dramatisch vervielfachen.

Von Nikolaus Piper, San José

Der Fortschritt sieht ganz unspektakulär aus. Oberflächlich besteht er aus einer Glaskabine und einem Flachbildschirm. Wenn man die Kabine betritt, erscheint auf dem Monitor eine junge Frau. "Ich sitze ganz in Ihrer Nähe", versichert sie. "Wo genau, darf ich Ihnen nicht sagen." Die Kabine steht im Demonstrationslabor auf dem Campus des Netzwerkausrüsters Cisco Systems in San José, einem der größten und traditionsreichsten Unternehmen des Silicon Valley. Das Entscheidende dabei sieht man gar nicht: Sie ist mit dem Internet verbunden; die junge Frau auf dem Monitor mag in einem Büro bei Cisco arbeiten, sie könnte auch am anderen Ende der Welt sitzen. Und darauf kommt es an.

Die Installation nennt sich "Telepräsenz-Kiosk" und gehört zu dem Programm "Virtual Citizen's Service", mit dem Cisco Großstädte auf der ganzen Welt als Kunden gewinnen möchte. Der "Virtuelle Bürger-Service" könnte, so die Idee, einer Stadtverwaltung dabei helfen, Kosten zu sparen und gleichzeitig bürgernah zu sein. Wenn Bürger einen Bauantrag stellen oder Umweltschäden melden wollen, dann gehen sie einfach zum nächsten Telepräsenz-Kiosk und können dort mit leibhaftigen Angestellten der Stadt reden. Die Stadt spart Geld, der Bürger Zeit. "Die Regierung kann auf kostengünstige Weise mit Bürgern kommunizieren, indem sie Telepräsenz-Kioske in Büros ohne Personal installiert", verspricht Cisco.

Das ist also dieses Internet der Dinge

So sieht sie aus, die schöne neue Welt des "Internet of Everything", des Internets von allem. Es ist der derzeit wichtigste Trend im Silicon Valley: Heute sind die Menschen über Laptop, iPad oder Smartphone vernetzt, schon am Ende dieses Jahrzehnts könnte die komplette physische Umwelt interaktiv sein: Autos, Fabriken, Krankenhäuser, Rathäuser.

"Bisher war das Internet eine Sache zwischen Menschen und Maschinen, jetzt bringt es Maschinen mit anderen Maschinen zusammen", sagt Guido Jouret. Der Ingenieur wurde Ende Oktober zum General Manager des Projekts "Internet of Everything" ernannt. "Uns steht eine zweite industrielle Revolution bevor", glaubt Jouret. "Heute sind nur vier Prozent aller Fabriken vernetzt, es könnten 96 Prozent sein." Das Ergebnis wäre ein enormer Effizienzsprung. John Chambers, der Starmanager, der seit 18 Jahren an der Spitze von Cisco steht, sagt voraus, dass Unternehmen einen Wert von 14,4 Billionen Dollar schaffen können, wenn sie die Möglichkeiten des Internets konsequent nutzen.

Cisco Systems setzt wie kaum eine andere Firma auf das "Internet of Everything". Es ist eine Sache der schieren Notwendigkeit. Cisco - der Name leitet sich aus den fünf letzten Buchstaben von San Francisco ab - wurde 1984 gegründet und wuchs mit Produkten, die Computer untereinander vernetzten. Mit seinen Routern und Vernetzungen gehörte Cisco zu den Hauptgewinnern des Internetbooms der Neunzigerjahre. Kurz bevor die Spekulationsblase platzte, Anfang 2000, war Cisco mit mehr als 500 Milliarden Dollar Börsenwert kurzzeitig das teuerste Unternehmen der Welt.

Heute kostet Cisco nur noch 109 Milliarden Dollar und ringt um seine Zukunft. Ein typisches Silicon-Valley-Schicksal: Das Internet hat Cisco groß gemacht, jetzt droht es der Firma die Geschäftsgrundlage zu entziehen. Cisco muss sein Geschäftsmodell erneuern, betonte Konzernchef John Chambers in der vergangenen Woche vor Analysten. Gleichzeitig strich er seine Prognose für den Umsatz der kommenden drei bis fünf Jahre zusammen. Bereits im August hatte Cisco angekündigt, 4000 Jobs abbauen zu wollen - fünf Prozent der Belegschaft.