Gig-Economy Schöne neue Arbeitswelt

Diese Mitarbeiter des App-Entwicklers Tiny Owl haben Arbeit - viele Selbstständige jedoch hangeln sich von Job zu Job.

(Foto: Bloomberg)

Uber fahren, Kleinstvermieter werden, digitale Mini-Aufträge erledigen: Immer mehr Selbständige leben eher von einzelnen Gigs als dauerhaften Jobs - und steuern in eine prekäre Zukunft.

Von Johannes Kuhn, San Francisco

Abends fährt Jeff Menschen für Uber, um nicht von den Umsätzen seines kleinen Ladens abzuhängen. Anne nutzt die wenigen Stunden, die ihr als Alleinerziehende bleiben, um mit digitalen Designjobs, die sie auf einem Freelancer-Portal findet, etwas dazuzuverdienen. Jorge und Carmen schlüpfen tageweise in die Vermieterrolle; ohne die Einkünfte aus Airbnb könnten sie niemals ihrer Berufung als Künstler folgen. Solche Beispiele kennt inzwischen fast jeder: Der Gig, einst Musikern vorbehalten, bezeichnet heute auch den digital vermittelten Kurzzeit-Job für Jedermann.

Fragt sich nur: Erleben wir gerade die anbrechende Blütezeit des Solo-Freiberuflers oder Szenen der fortschreitenden Prekarisierung? Eine neue Phase selbstbestimmter Arbeit oder doch schlichten Plattformkapitalismus, in dem Software-Firmen als Vermittler-Monopole abkassieren? Deutschland und die USA haben begonnen, sich intensiver mit diesen Fragen zu beschäftigen.

Gig Economy: In Amerika macht der Begriff bereits seit 2009 Karriere. Die Rezession zwang die Menschen, sich noch mehr als sonst von Job zu Job zu hangeln. In den Vereinigten Staaten ist die stoische Anpassung an den fortschreitenden Kapitalismus Teil des Lebensprogramms mit dem Titel "Whatever works". Egal was, Hauptsache, es funktioniert.

Fiebrige Professionalität, beachtlicher Umsatz

Praktisch bedeutet das inzwischen nicht nur, mehrere Jobs zu bekleiden, sondern auch bereit zu sein, als so genannter "Contractor" zu arbeiten, als Freiberufler. 40 Prozent der werktätigen Bevölkerung agieren inzwischen in irgendeiner Form der Selbständigkeit. Wie viele von ihnen als Gig-Arbeiter tätig sind, lässt sich derzeit nur schwer schätzen, weil aktuelle Zahlen fehlen.

Im Tech-Epizentrum San Francisco liegen die Solo-Selbständigen in Gastgewerbe (Airbnb) und Transport (Uber, Lyft) im fünfstelligen Bereich, sie haben sich vervielfacht. Freelancer-Portale wie Upwork haben ihre Nutzer vor allem in den Vereinigten Staaten, der Verkauf von Handgemachtem über Plattformen wie Etsy wird längst mit fiebriger Professionalität und beachtlichem Umsatz betrieben.

Arme sind nur kurzzeitig in Verlegenheit geratene Millionäre

Die neuen Arbeitsformen werden wachsen. Ihnen hängt kein Stigma an, liegt in ihnen doch auch das Versprechen einer nie gekannten Selbstbestimmtheit, die deckungsgleich mit der nationalen Idee der "Free Enterprise" und des Entrepreneurship ist, also der Unternehmensgründung.

Jedoch spürt selbst die konservative Mitte einen leichten Hauch von Skepsis: Die Solo-Selbständigen bleiben, anders als früher, solo; neben der Karriere des Gründers, der für Wirtschaftswachstum sorgt, taucht immer häufiger der Gründer auf, der stets sein einziger Angestellter bleibt: Als selbständiger Trucker, der von Auftrag zu Auftrag lebt; als Teilzeit-Lehrer; als urbaner Lebenskünstler, der die Differenz zwischen seiner Miete und dem bestmöglichen Airbnb-Marktpreis am geschicktesten berechnen kann.

Ein Aufbegehren ist nicht zu erwarten. Schon der Autor John Steinbeck, ein Kind der Weltwirtschaftskrise, kam zu dem Schluss: Der Sozialismus habe in Amerika niemals Wurzeln schlagen können, weil die Armen sich nicht als ausgebeutete Arbeiterschaft, sondern als kurzzeitig in Verlegenheit geratene Millionäre betrachten. "Whatever works" ist auch ein Versprechen, man muss es den Mittellosen, aber Arbeitswilligen nur gut verkaufen.