Facebook "Die Angst vor künstlicher Intelligenz ist überzogen"

  • Facebook will in Zukunft stärker an künstlicher Intelligenz (KI) forschen. Darum eröffnet das soziale Netzwerk eine Forschungseinrichtung in Paris.
  • Mit Maschinen-Intelligenz will Facebook bessere Dienste für Nutzer anbieten - und im Idealfall mit ihnen "kommunizieren".
  • Führende KI-Forscher arbeiten mittlerweile für Firmen wie Google, Microsoft und Facebook.
  • Zu den Kritikern an Künstlicher Intelligenz gehören unter anderem Bill Gates und Stephen Hawking. Doch die Angst sei überzogen, sagt Yann LeCun im Gespräch mit der SZ. Le Cun leitet bei Facebook die Forschungseinrichtung.
Von Hakan Tanriverdi

Yann LeCun hat Angst vor einem Hype. Der 55-Jährige leitet bei Facebook die Abteilung für künstliche Intelligenz. Schon einmal war sein Forschungsgebiet in aller Munde, die Erwartungen aber wurden weit unterschritten. Deshalb fürchtet er nun, eine solche Entwicklung könnte sich wiederholen: "Durch Hypes entstehen Erwartungen, die nicht erfüllt werden können", sagt der Informatiker im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung. Firmen fingen an, ihre Produkte deutlich über Wert zu verkaufen. Von künstlicher Intelligenz sei viel zu erwarten, allerdings noch nicht gleich morgen. Und Angst muss nach seiner Meinung keiner davor haben.

LeCuns Arbeitsbereich bei Facebook wird gerade aufgestockt. Das soziale Netzwerk hat bekannt gegeben, eine neue Forschungseinrichtung in Paris zu eröffnen, zusätzlich zu den bestehenden in New York und Menlo Park. Sechs neue Mitarbeiter wurden bereits eingestellt, insgesamt arbeiten 50 Personen in diesem Bereich. "Wir haben in den vergangenen Jahren immense Fortschritte gesehen."

Aber was will Facebook mit künstlicher Intelligenz anfangen? In einem ersten Schritt geht es darum herauszufinden, wofür sich Nutzer interessieren. Das geschieht bereits über den so genannten Newsfeed, also die Startseite jedes Nutzers. Dort werden Nachrichten und Bilder angezeigt, grundsätzlich sind bis zu 2000 Nachrichten pro Tag denkbar, die Nutzern angezeigt werden könnten. Eine intelligentere Maschine könne besser entscheiden, welche dieser Nachrichten aus dem Strom relevant sind.

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"Ich kann selbst entscheiden, welche Inhalte ich sehen will"

Die langfristigen Pläne vergleicht Facebooks Technikchef Mike Schroepfer mit einer Interaktion zwischen Facebook und den derzeit knapp 1,4 Milliarden Nutzern: "Ich kann selbst entscheiden und Facebook mitteilen, welche Inhalte ich sehen will. Zum Beispiel mehr Bilder und keine Sport-Ereignisse." Es sei grundsätzlich auch denkbar, dass Facebook Nutzer davor warne, peinliche Fotos ins Netzwerk zu stellen. Indem das Bild beispielsweise erkennt, dass die Umgebung aussieht wie eine Bar und dass der Nutzer versucht, das Bild um Mitternacht hochzuladen. Die Funktion zur Gesichtserkennung ist in Europa momentan nicht aktiv.

Das Forschungsfeld Deep Learning - Maschinen ziehen dabei eigene Schlüsse aus großen Datenmengen - hat in den vergangenen Jahren gerade in großen Technik-Firmen für Begeisterung gesorgt. So stellte der Internet-Telefondienst Skype eine neue Version vor, mit dem Gespräche in Echtzeit übersetzt werden können. Google kaufte das Start-up Deepmind im vergangenen Jahr für mehr als 600 Millionen Dollar. Mitarbeiter der Firma hatten Computern beigebracht, eigenständig Videospiele-Klassiker zu begreifen und dann durchzuspielen. Roboter können über Hindernisse springen, Maschinen erkennen, was genau auf Bildern zu sehen ist - fast so gut wie Menschen.

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Mittlerweile arbeiten führende Forscher an künstlicher Intelligenz in Firmen wie Google, Baidu oder eben für Facebook, wie LeCun. Er hat sich auf neuronale Netze spezialisiert. Neuronale Netze funktionieren ähnlich wie menschliche Gehirne; Computerchips werden zusammengeschaltet, um die Rechenkraft zu steigern. Anschließend werden sie mit Daten gefüttert, die sie analysieren sollen; die Computer trainieren sich dabei selbst.

Die Schreckenszenarien seien unrealistisch

Facebook veröffentlicht seine Forschung im Bereich künstliche Intelligenz. Teile davon sind quelloffen, das heißt, sie können aufgrund der Rohdaten unabhängig überprüft werden. Konkurrenten wie Google greifen auf Systeme zurück, die von LeCuns Team entwickelt wurden. Schroepfer verspricht, dass die Arbeit auch in Zukunft der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werde, um Vertrauen zu schaffen: "Wir wissen sehr wohl, dass es für Nutzer keinen Zwang gibt, Facebook zu nutzen. "

Im vergangenen Jahr haben sich mehrere Größen der Technikwelt zu Wort gemeldet und vor den Gefahren der künstlichen Intelligenz gewarnt, darunter Microsoft-Gründer Bill Gates und Tesla-Chef Elon Musk. Die drastischsten Worte bis dato fand Physiker Stephen Hawking: "Die Entwicklung von kompletter künstlicher Intelligenz könnte das Ende der Menschheit bedeuten", sagte er. LeCun sieht keinen Grund, alarmiert zu sein: "Die Ängste vor künstlicher Intelligenz halte ich für überzogen." Ihm zufolge dauert es noch mehrere Jahrzehnte, bis Menschen eine Intelligenz entwickelt hätten, die mit Schimpansen konkurrieren könne. Aber selbst dann sei ein Schreckensszenario wie in der "Terminator"-Filmreihe unrealistisch: "Damit eine Maschine überhaupt das Verlangen hat die Menschheit zu kontrollieren, müsste man sie so programmieren."

Grundsätzlich sei es aber wichtig, ernsthaft über künstliche Intelligenz und die Folgen nachzudenken. Mehrere Forscher haben Anfang des Jahres einen offenen Brief veröffentlicht, wonach künstliche Intelligenz nützlich sein müsse für die Menschheit. LeCun gehört zu den Mitunterzeichnern.

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