DSGVO Wie ein dröges Datenschutz-Buch zum Bestseller wurde

Die Datenschutz-Grundverordnung sorgt momentan für Verunsicherung.

(Foto: Markus Spiske/Unsplash; Bearbeitung SZ)

Datenschutz sorgt normalerweise nicht für Begeisterungsstürme. Trotzdem ist er zurzeit auf Platz eins der Bestseller-Liste von Amazon. Bayerns oberster Datenschützer Thomas Kranig erklärt den Erfolg seiner Broschüre.

Interview von Marvin Strathmann

In Europa geht das Gespenst der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) um. Die neue EU-Verordnung regelt von Freitag an in 99 Artikeln den Datenschutz in Europa. Die Verunsicherung der Betroffenen ist so groß, dass sie einen Bestseller hervorbrachte: momentan steht immer wieder eine Datenschutz-Broschüre zur Verordnung auf Platz eins der Bestseller-Liste für Bücher von Amazon und wird am häufigsten bestellt. Sie trägt den Titel Erste Hilfe zur Datenschutz-Grundverordnung für Unternehmen und Vereine: Das Sofortmaßnahmen-Paket und verweist etwa Frank Schätzings Die Tyrannei des Schmetterlings und den Abnehm-Ratgeber Intervallfasten: Für ein langes Leben - schlank und gesund auf hintere Plätze.

Herausgegeben hat die Broschüre das Bayerische Landesamt für Datenschutzaufsicht. Dessen Präsident Thomas Kranig hat an dem Bestseller mitgeschrieben.

SZ: Herr Kranig, wie fühlt es sich an, einen Bestseller geschrieben zu haben?

Thomas Kranig: Es fühlt sich sehr gut an. Noch besser würde es sich anfühlen, wenn wir damit unser Ziel erreicht haben und über die neuen Anforderungen der Datenschutz-Grundverordnung überschaubar und anschaulich informieren.

Laut der Nachfrage auf Amazon ist Ihnen das gelungen. Aber warum wurde das Datenschutz-Buch erst jetzt zu einem Bestseller? Die Unternehmen hatten zwei Jahre Zeit, sich anzupassen.

Viele Menschen - mich eingeschlossen - machen Dinge erst dann, wenn der Termindruck so groß wird, dass man es nicht mehr aufschieben kann. Zudem haben die Medien in letzter Zeit oft über die DSGVO geschrieben, immer mit dem Hinweis, dass Bußgelder von bis zu 20 Millionen Euro drohen. Viele Unternehmen sind dadurch aufgewacht, wurden aber zusätzlich durch falsche Informationen, etwa über die Rechte von Fotografen, verschreckt. Damit müssen wir nun als Aufsichtsbehörde umgehen.

Thomas Kranig

(Foto: Bayerisches Landesamt für Datenschutzaufsicht)

Was sind die wichtigsten Fragen, die Sie in Ihrem Buch beantworten?

Ziel ist, den Unternehmen und Vereinen etwas an die Hand zu geben, damit sie von Null anfangen können und wissen, was sie als erstes zu tun haben. Dabei haben wir uns auf drei Kernpunkte konzentriert: Die Betroffenen müssen einen Überblick über die verarbeiteten Daten erhalten und ein Verzeichnis darüber anlegen. Sie müssen vorbereitet sein, wenn jemand Auskunft über seine Daten haben möchte - bei Vereinen fragt kaum jemand nach, trotzdem müssen sie es wissen. Und sie müssen in der Lage sein, Behörden zu informieren, wenn Verstöße gegen den Datenschutz passieren.

Haben Sie mit dem Erfolg gerechnet?

Mich freut es natürlich, aber ich finde es auch schade, dass über Datenschutz momentan oft negativ gesprochen wird - "Anforderungen", "Formalismus", "Bürokratie-Monster", was man alles hört. Es ist etwas ärgerlich, dass es mit dieser Begleitmusik läuft.

Datenschutz auf SZ.de

SZ.de nimmt Datenschutz ernst. Lesen Sie hier, welche Daten wir von Ihnen wie speichern und wie wir diese Daten nutzen.

Zunächst wurde die DSGVO positiv besprochen, nun melden sich viele Kritiker: Blogger und Forenbetreiber schalten ihre Seiten ab, Fotografen fürchten, dass sie keine Menschen mehr aufnehmen dürfen, Abmahnanwälte sollen schon bereitstehen. Wie schlimm wird die DSGVO?

Viele merken plötzlich, dass sie das Thema betrifft. Aber jeder Blogger, der meint, irgendwas zu wissen, schreibt nun darüber und verschreckt die Menschen. Mit der Broschüre versuchen wir auch, gegen Gerüchte und Mythen anzukämpfen, die durch das Netz geistern.

Es ist für mich nachvollziehbar, dass eine gewisse Unsicherheit vorhanden ist und dass man Angst hat. Vermischt man das mit panikschürenden Informationen und dem Drohpotential der Sanktionen, dann ist man eher negativ zur DSGVO eingestellt. Aber gerade für kleine Unternehmen und Vereine ist die Sache machbar und überschaubar. Man findet bei uns auf der Homepage Hilfestellungen, daher halte ich die Panik wirklich für unbegründet.

Was wird Ihr nächster Bestseller?

Als Eugen Ehmann und ich an der Broschüre geschrieben haben, hätten wir nie gedacht, dass sie sich so gut verkauft. Aber momentan ist nicht geplant, einen weiteren Bestseller zu schreiben. Spannend wäre es dagegen, einen Erlebnisbericht zu verfassen: Wir sitzen in Ansbach in einem Schloss und zuletzt stand jemand an der Pforte und sagt, er will seine Datenschutzerklärung abgeben. Er sei bei einer Schulung des Einzelhandelsverbands gewesen und hätte dort ein fünfseitiges Papier bekommen mit dem Hinweis, das müsse er bei der Datenschutzbehörde abgeben. Wenn man alles zusammentragen würde, was da für ein Unsinn kursiert und mit welchen Informationen Schulungen zur DSGVO gemacht werden, dann könnte man sich manchen Ärger von der Seele schreiben. Ein Bestseller wäre das aber vermutlich nicht.