Doku-Reihe "Homo Digitalis" Verliebt in eine Frau, die es gar nicht gibt

  • So genannte Realfakes bauen perfekte Fake-Profile auf und geben sich als falsche Personen im Netz aus.
  • Allerdings wollen sie kein Geld von ihren Opfern, das unterscheidet sie von Betrügern.
  • Motivationen von Realfakes sind vielfältig: Einige wollen ihre Sexualität "ausleben", andere Kontrolle über ihr Opfer erlangen.
  • Die SZ präsentiert die Doku-Reihe "Homo Digitalis" von Bayerischem Rundfunk, Arte und ORF. In dieser Folge: Beziehungen
Von Marvin Strathmann

Wer ist Jasmin Nicoletta Goldmann? Auf den ersten Blick ist das einfach zu beantworten: 35 Jahre, gebürtig aus Hamburg und arbeitet bei dem US-Pharmaunternehmen Merck in Boston als Mikrobiologin. So steht es schließlich in ihren vielen Online-Profilen, etwa bei Facebook, Twitter, Google Plus oder Soundcloud.

Auf professionellen Fotos lächelt die Brünette in die Kamera oder schaut gedankenverloren in die Ferne. Auch private Informationen über sie lassen sich leicht finden: Sternzeichen Schütze, "Turning Tables" von Adele ist ein Lieblingslied und die 35-Jährige spielt gerne online Schach. Steht alles im Netz.

Denise Fritsch hat sich Ende 2016 in diese Jasmin Nicoletta Goldmann verliebt und unzählige Nachrichten mit ihr ausgetauscht. Doch Jasmin gibt es so nicht. Sie ist ein Fake, jemand, der im Schutz der Anonymität knapp zehn Jahre lang von einer unbekannten Person betrieben wurde und dutzende Menschen getäuscht hat. Umso verstörender, dass das Ziel dieses Betrugs unklar bleibt.

Die Geschichte von Jasmin Nicoletta Goldmann ist eine Geschichte über Beziehungen, wie es sie in Zukunft öfter geben wird. Beziehungen, die im Netz beginnen und den Sprung in die analoge Welt nie schaffen. Es ist eine Geschichte über die Anonymität des Netzes, dank der sich viele öffnen können, und die zugleich das Spiel mit den Gefühlen anderer so einfach macht.

Die Doku-Reihe „Homo Digitalis“

Wie werden wir in Zukunft leben und lieben, denken und spielen? SZ.de präsentiert als Medienpartner die aufwendig produzierte Web-Doku-Reihe "Homo Digitalis" von Bayerischem Rundfunk, ARTE und ORF. Von Mittwoch an bis Dezember veröffentlichen wir im Wochenrhythmus sieben Videos und sieben Artikel zu Themen, die unser digitales Leben in der Zukunft betreffen. SZ-Autoren haben recherchiert: Wie sehen Beziehungen, Arbeit, Freizeit, Denken und Sex in der Zukunft aus? Eine Reise zu Sex-Robotern, Geliebten, die nur in sozialen Medien existieren, und zum neuen Menschen, der mit den Maschinen verschmilzt. Außerdem können unsere Leser testen, wie digitalisiert ihr eigenes Leben schon ist.

Angefangen hat alles mit dem Blogeintrag "Wer bin ich", den Fritsch im Januar 2016 auf ihrer Webseite veröffentlicht. Darin outet sich die Mediendesignerin als lesbisch. Jasmin Goldmann macht ihr Mut und schreibt in einem Kommentar unter dem Eintrag: "Glückwunsch für Deine natürliche Offenheit & Mut es in einen Blog Beitrag zu verpacken und nun konsequent(er) Deinem Herzen zu folgen Denise. (...) Werde es (heimlich) im #Neuland verfolgen und danke für den Schritt, der auch anderen Kraft gibt es als völlig natürlich und normal zu empfinden."

Immer wieder Ausreden und Absagen

Fritsch gefällt der herzliche Kommentar. Zuvor hat Fritsch Jasmins Beiträge auf Twitter verfolgt. Nun schreiben sie häufiger, werden Freundinnen auf Facebook, chatten jeden Tag. Fritsch verliebt sich. Zu einem Treffen kommt es nie, denn Jasmin lebt in Boston und Mediendesignerin Fritsch in Herford. Und dann fliegt Jasmin auch noch ehrenamtlich für Ärzte ohne Grenzen nach Haiti - jedenfalls behauptet sie das in ihrer Kommunikation mit Fritsch. Dort hat Hurrikan Matthew im Oktober 2016 gewütet und mehr als 1000 Menschen getötet.

Jasmin lädt Fritsch zu ihrer Geburtstagsparty im Dezember ein. In Hamburg, Jasmins Heimatstadt, sollte gefeiert werden. Doch daraus wird nichts, Jasmin zieht sich angeblich einen Infekt zu: Grippe, Lungenentzündung, Rinder-Tuberkulose. Sie muss in einem Krankenhaus in Port-au-Prince bleiben, der Hauptstadt Haitis. Es geht ihr immer schlechter in den nächsten Monaten. Fritsch sorgt sich um ihre neue Liebe.

Zugleich wachsen die Zweifel. Fritsch schickt ein kleines Päckchen nach Port-au-Prince zu Jasmin, aber es landet wieder in Deutschland: Empfänger unbekannt. Aus ihrem Umfeld kommen Warnungen, sie entdeckt einen Blogeintrag, in dem Jasmin vorgeworfen wird, beim Online-Schach zu betrügen. Außerdem bringt Jasmin Ausreden, wenn Fritsch telefonieren, skypen oder Selfies von ihr möchte.

Ein falscher Tod

Fritschs Eltern bemerken, dass es ihrer Tochter immer schlechter geht, schließlich leidet sie mit Jasmin, die angeschlagen in einem Krankenbett in Port-au-Prince liegen soll und zu schwach sei, um ausgeflogen zu werden - Besserung nicht in Sicht. Die Eltern recherchieren und finden heraus: Ein vermeintliches Haus von Jasmins Familie in Hamburg gehört ganz anderen Menschen. Jasmin arbeitet weder für Merck noch für Ärzte ohne Grenzen. Auch ihr Name ist wohl nicht echt.

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Fritsch konfrontiert Jasmin mit den Ergebnissen der Recherche ihrer Eltern. Keine Antwort. Eine Account, der vorgibt eine Freundin von Jasmin zu sein, verbreitet später per Mail, diese sei auf Haiti gestorben. All das schreibt Fritsch in einem Blogeintrag auf, berichtet über den Kontakt mit Jasmin und wie sie auf den Fake reagiert. Später möchte sie nicht mehr über den Fall reden, sie wolle mit ihm abschließen.

Es ging nicht um Geld - aber worum dann?

Aber wozu das alles? Warum der Aufwand? Jasmin hat nicht vorgegeben ein reicher, alleinerziehender Vater zu sein, oder eine US-Soldat(in) im Auslandseinsatz. So arbeiten Romance Scammer, sie gehen im Netz romantische Beziehungen mit Menschen ein und geraten dann scheinbar zufällig in dramatische Situationen, in denen das Opfer des Betrugs ihnen mit ein wenig Geld aushelfen soll. Auch Jasmin schrieb von einer dramatischen Situation auf Haiti, wollte Fritsch zufolge aber kein Geld. Das unterscheidet sie von den modernen Heiratsschwinldern. Stattdessen ist Jasmin Nicoletta Goldmann ein so genannter Realfake: Ein Mensch, der sich online eine perfekte andere Identität zulegt und sich das Vertrauen von Menschen erschleicht. Um Geld geht es ihm nicht.

Der Name Realfake kommt von Victoria Schwartz, einer Kommunikationsdesignerin aus Hamburg. Sie wurde selbst Opfer eines Fake-Accounts: Hinter dem vermeintlichen Kai aus Münster steckte in Wahrheit eine Doktorin der Psychologie aus den USA. Auch die wollte kein Geld, sie wollte wohl im Netz ihre Sexualität ausleben. Schwartz bloggte über den Fall, seit 2013 betreibt sie die Webseite realfakes.net, auf der sich Betroffene von Realfakes informieren und austauschen können. So berichtet im Forum ein Jens, wie er nach zwei Jahren ohne Telefonat und Videoanruf eine mögliche Fake-Beziehung beendet hat. Rene wiederum bittet um Rat, da seine Frau auf einen Scammer reingefallen sei.

"Es kann jeden treffen, der offen im Netz mit anderen kommuniziert."

"Ungefähr alle zwei bis drei Tage schreibt mir ein neues Opfer von Realfakes", sagt Schwartz. "Im deutschsprachigen Raum gibt es zur Zeit außer realfakes.net keine andere Anlaufstelle, die sich ernsthaft mit diesem Phänomen befasst. Das war auch der Grund, warum ich mich des Themas angenommen habe. Mir war anfangs allerdings nicht klar, wie viel Zeit das kostet."

Oft schreiben Opfer lange Mails an Schwartz, in denen sie ihre Geschichten schildern. "Das sind ganz normale Menschen, die mit beiden Beinen im Leben stehen", sagt Schwartz. "Es kann jeden treffen, der offen im Netz mit anderen kommuniziert. Mir haben schon Studenten geschrieben, Lehrer, Selbständige oder Journalisten."

Opferverbände kümmern sich eher um die Fälle, in denen es um Geld geht. So verweist etwa der Weiße Ring auf Juuuport. Bei diesem Verein können sich Jugendliche melden, die im Netz auf Probleme stoßen. Aber auch bei Juuuport geht es eher um gestohlene Konten, Accounts, die sich als Bekannte ausgeben oder Erpressungsversuchen.

Realfakes hinterlassen vielleicht keinen finanziellen Schaden, dafür aber emotionalen. Die Opfer berichten Schwartz zufolge von Depressionen, Ängsten und Schwierigkeiten, anderen Menschen nach einem Fake-Fall wieder zu vertrauen. Schließlich haben sie oft monatelang mit einer anderen Person gelitten oder ihnen zumindest sehr viel Aufmerksamkeit geschenkt.

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"Die Opfer haben oft so viel Zeit in die Beziehung investiert, sind emotional so abhängig, dass es ihnen meist schwerfällt loszulassen", sagt Schwartz. "Angehörige und Freunde haben dann große Mühe, wenn sie das Opfer davon überzeugen wollen, dass der einfühlsame Gesprächspartner eigentlich ein Fake ist."

Es gibt eine Verbindung zwischen Schwartz und dem von Denise Fritsch: Schwartz kannte die falsche Jasmin vermutlich. Sie traf etwa 2010 auf einer Twitter-Lesung eine Frau, die sich als Jasmin Goldmann vorstellte. Eine Freundin von Schwartz war auch dabei. Die Frau, die sich vorstellte, sah ungefähr aus wie die Jasmin auf den Fotos im Netz. Allerdings hat der Faker die Fotos wohl nur aus einer Modeldatenbank geklaut. Schwartz telefonierte mit der echten Frau auf den Fotos und im Nachhinein stellte sich heraus, dass die Frau auf der Twitter Lesung deutlich kleiner war als die Frau auf den Fotos.

Jasmin und Schwartz wurden Freunde auf Facebook, schrieben aber nur selten miteinander. Ein Treffen 2010 scheint die einzige Verbindung von "Jasmin Nicoletta Goldmann" in die reale Welt zu sein. Der Faker nutzt das aus: Als Denise Fritsch misstrauisch wird und Fragen stellt, verweist Jasmin auf das Treffen mit Schwartz und kann sie so kurzzeitig beruhigen. Wer die Person war, die mit Schwartz sprach, bleibt ein ungelöstes Rätsel.