Digitalisierung Es lohnt sich heute, möglichst viel Aufruhr zu erzeugen

Denken Sie, man bräuchte in Anbetracht der aktuellen Entwicklungen einen neuen Pressekodex?

Mein Eindruck ist, dass sich immer noch viele Menschen, die unsicher sind, an den großen Medien orientieren. Diesem Anspruch müssen die Medien noch besser gerecht werden. Gerade wenn sich ein großer Teil der Gesellschaft Sorgen darüber macht, dass wir immer weniger verlässliche Nachrichten haben. Und wir müssen Plattformen wie Facebook gewisse Regeln auferlegen.

Was für Regeln?

Das Problem ist die Überschneidung des Aufmerksamkeitsbedürfnisses von Einzelpersonen oder Gruppen und dem Bedürfnis von Unternehmen, Geld zu verdienen. Sie macht es lohnenswert, möglichst viel Aufruhr zu erzeugen. Das ist eine giftige Mischung. Unternehmen, die dafür verantwortlich sind, öffentliche Kommunikation zu ermöglichen, und dann davon profitieren, dass sie die Stimmung aufheizen, müssen gesellschaftlich reguliert werden. Gleichzeitig denke ich auch, dass sich öffentliche Personen bei großen Ereignissen darin zurückhalten müssen, das Panikklima weiter anzuheizen. Es ist extrem unangenehm, wenn Politiker oder Wissenschaftler da aufspringen.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass all die "Das macht Ihr Smartphone mit Ihrem Gehirn"-Artikel eigentlich nicht wissenschaftlich sein können, da es noch nicht genügend Daten gibt.

Das Gehirn verändert sich permanent. Und das ist gut so. Das Gehirn ist Teil eines Organismus, dessen Job es auch ist, sich anzupassen. Schon die Mehrbenutzung des Daumens durch Smartphones hat Auswirkungen auf unser Gehirn.

Heißt das, eines Tages wird man anhand des Daumenareals im Gehirn feststellen können, wann der betreffende Mensch gelebt hat?

Vielleicht. Vielleicht wird man in tausend Jahren MRTs aus unserer Zeit finden und sagen: Das muss die Smartphone-Ära gewesen sein, die haben ihre Daumen so viel benutzt. Es gibt Studien, wie sich das Anschauen von Internetpornos auf das Gehirn auswirkt. Angeblich sollen da bestimmte Teile des Belohnungszentrums schrumpfen. Es gibt Studienergebnisse, die angeblich für einen negativen Effekt von Computerspielen sprechen - andere sehen wiederum einen positiven. Wir sollten da weniger dramatisch interpretieren. Dass sich unser Gehirn verändert, ist ein völlig normaler Prozess. Es wäre schlimm, wenn nicht.

Stichwort "Digitale Paranoia": Kleben Sie die Kamera an Ihrem Computer ab?

Ja, das habe ich eine Zeit lang getan. Ich weiß nicht, ob ich in einer Gesellschaft vollkommener Transparenz leben wollen würde. Ein wesentlicher Faktor für die Entwicklung von Kultur im menschlichen Miteinander ist, dass wir lernen auszuhalten, nicht alles übereinander zu wissen. Wir müssen Ungewissheiten aushalten können, um souveräne Menschen zu bleiben. Wir werden niemals alles kontrollieren können.

Warum überkleben so viele Menschen ihre Webcam?

Der Chef des FBI tut es, Mark Zuckerberg auch. Sind die paranoid? Nein, die Bedrohung ist real. Von Hakan Tanriverdi mehr...