Cyberangriffe im Gaza-Konflikt Kampf auf dem digitalen Schlachtfeld

Israel und die Hamas beschießen sich nicht nur mit Raketen, sondern greifen einander auch im Internet an: Mit Sabotage-Aktionen dehnen die Parteien die psychologische Kriegsführung ins Digitale aus, doch sie sind dabei nicht mehr unter sich. Akteure wie Anonymous beteiligen sich inzwischen am Online-Schlagabtausch.

Von Johannes Kuhn

Israels Regierung spricht von einem "zweiten Kampfplatz jenseits des Haupt-Schlachtfelds", Hamas-Offizielle bezeichnen es als "weitere Möglichkeit" zur Selbstverteidigung: In der Gaza-Krise greifen die Konfliktparteien offenbar vermehrt auf Cyberangriffe zurück.

So berichtete der israelische Finanzminister Yuval Steinitz, dass bereits in den ersten fünf Tagen der aktuellen Auseinandersetzung mehr als 44 Millionen Hack-Versuche auf Webseiten der Regierung verzeichnet worden seien.

Diese Zahl ist allerdings mit Vorsicht zu genießen, da Israel hierzu auch DDoS-Attacken (Distributed Denial of Service) zählt. Bei dieser Form des digitalen Angriffs wird versucht, Webserver durch massenhafte Anfragen lahmzulegen - um das Eindringen in ein System geht es nicht.

Der Screenshot vom 15.11.2012 zeigt eine Twitterseite, auf der die israelischen Streitkräfte (IDF) ihren Angriff auf Gaza mitteilen.

(Foto: dpa)

"Wir haben von Anfang an palästinensische Software-Techniker in Gaza und weltweit dazu aufgefordert, israelische Webseiten zu schwächen", sagte ein Sprecher des Hamas-Innenministeriums in Gaza der Nachrichtenagentur Bloomberg. Wie erfolgreich man damit war, ist umstritten: Israel zufolge waren nur einige wenige Seiten für kurze Zeit offline.

Längst greifen Akteure von außen ein

Ein Mitglied der Terrorgruppe Islamischer Dschihad behauptete dagegen Medienberichten zufolge, die Organisation habe persönliche Daten von etwa 5000 israelischen Militär-Handys stehlen können und werde diese in den nächsten Tagen veröffentlichen. Identität und Angaben können nicht überprüft werden.

Auch Israel, das über eines der modernsten militärischen IT-Systeme verfügt, hat Bloomberg zufolge die Hamas bereits digital attackiert. So sollen wiederholt Hamas-Radiostationen virtuell gekapert worden sein, um die Bevölkerung zu warnen, sich von Hamas-Gebäuden fernzuhalten. Auch soll Israel zwischenzeitlich die Seite des Hamas-Innenministeriums kontrolliert haben.

Längst sind es aber nicht nur die Konfliktparteien, die sich im digitalen Kampfgebiet tummeln. Mitglieder der Hackergruppe Anonymous riefen bereits vor einigen Tagen dazu auf, israelische Webseiten zu attackieren. Am Freitag konnte man offenbar die Webseite der Bank of Jerusalem löschen, die derzeit zumindest von Deutschland aus immer noch nicht erreichbar ist.

Wenig später veröffentlichten Mitglieder des Kollektivs eine Liste mit 650 israelischen Seiten, die man angeblich verunstaltet oder vom Netz genommen habe - dabei handelt es sich aber einer Stichprobe nach zu urteilen zum Großteil um unbekannte Werbeadressen. Am Sonntag publizierten Mitglieder des Kollektivs ein Dokument, in dem sich die Kontaktdaten von mehr als 3000 amerikanischen Spendern der Pro-Israel-Gruppe "Unity Coalition For Israel" befinden sollen.

Am Montag dann fand sich auf 26 Online-Präsenzen, unter anderem den israelischen Seiten von BBC, Bing, Coca-Cola, Microsoft, Skype, die Botschaft "Ich schreibe dies im Namen aller Pakistanis und Muslime: Sei verflucht, Israel". Pakistanische Hacker haben sich zu der Aktion bekannt.

Die Leitungen aus Gaza führen durch Israel

"Der Krieg wird längst an drei Fronten ausgefochten", ließ Israels Chief Information Officer Carmela Avner mitteilen. "Die erste ist physisch, die zweite liegt in der Welt der sozialen Netzwerke, die dritte besteht aus Cyberattacken." Um den Konflikt im Gazastreifen selbst für sich zu entscheiden, erwägte Israels Regierung bis vor Kurzem, Bodentruppen einzusetzen. Die Meinungsschlacht in den sozialen Netzwerken soll nicht nur durch ausgeklügelte digitale Öffentlichkeitsarbeit gewonnen werden, sondern auch durch die "Aktivierung ziviler PR-Ressourcen", wie das Informationsministerium kryptisch mitteilte.

Und die Cyberangriffe? Trotz des öffentlichen Schlagabtauschs ist über den militärisch und sicherheitspolitisch relevanten Teil der Cyber-Auseinandersetzung derzeit wenig zu erfahren. Klar ist aber, dass Israel auch hier deutlich im Vorteil ist - die Spionage-Bedingungen sind einzigartig. "Jedes Telefongespräch, jede E-Mail [aus Gaza] wird durch israelisches Gebiet geleitet und erst von dort über Unterwasserkabel in den Rest der Welt", schreibt Ha'aretz-Autor Anshel Pfeffer. "Es gibt in der modernen Kriegsgeschichte wohl keinen zweiten Fall, bei dem eine Seite die Kommunikationsinfrastruktur der anderen komplett kontrolliert."