Wissenschaftsskandale von US-Politikern Kennedy und die Doppelgänger-Affäre

"Wir leisten uns in Bezug auf unsere Politiker eine bildungsbürgerliche Attitüde, die anspruchsvoll wie kompromisslos ist", sagt Professor Ann. Das Privat- und erst recht das Intimleben deutscher Politikern galt dagegen lange als deren Privatsache. Erst in jüngerer Vergangenheit sind hierzulande amerikanischere Verhältnisse zu beobachten. So trat der CDU-Politiker Christian von Boetticher 2011 als Spitzenkandidat seiner Partei für das Amt des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten zurück, nachdem seine Affäre mit einer Minderjährigen publik wurde.

Umgekehrt ist es in Amerika eher unwahrscheinlich, dass ein Minister wegen eines wissenschaftlichen Fehlverhaltens zurücktreten muss. "Die Menschen haben eine ganz andere Beziehung zu Bildung, insbesondere Hochschulbildung", erklärt Veronika Fuechtner, Professorin am Dartmouth College, im Gespräch mit SZ.de. "In der breiten Bevölkerung gibt es eine gewisse Skepsis gegenüber den Universitäten. Volksnähe ist hier die entscheidende Qualifikation für ein politisches Amt."

So stieg Ted Kennedy, Bruder des früheren US-Präsidenten John F. Kennedy, zu einem der einflussreichsten Mitglieder des Senats auf (Spitzname: "Lion of the Senate"). Und dass, obwohl er in Jugendjahren von der Harvard University geflogen war.

"Noten entscheiden über Lebenschancen"

In Jugendjahren flog er von der Harvard University: Ted Kennedy vor einem Bild seines Bruders John F. Kennedy.

(Foto: REUTERS)

Bereits in seinem ersten Jahr fiel der Kennedy-Spross wegen seiner Verwicklung in einen Abschreibe-Skandal negativ auf. Hintergrund seines Rauschmisses war jedoch ein Vorfall im zweiten Studienjahr: Aus Furcht, eine Spanisch-Prüfung nicht zu bestehen, bezahlte er einen Kommilitonen statt seiner zu der Klausur zu gehen. Der Doppelgänger flog auf - und sowohl Kennedy als auch sein Komplize wurden der Uni verwiesen.

Sanktionen nicht nur gegen die Betrüger selbst sind in der amerikanischen Wissenschaft üblich. Auch wer bei einem Betrugsversuch mitmacht - und sei es nur als Beobachter -, muss Konsequenzen befürchten. Denn während die breite Öffentlichkeit akademische Fehler verzeihlich finden mag, gilt an den Universitäten ein wesentlich strengerer wissenschaftlicher Verhaltenskodex als hierzulande.

"Studenten verpflichten sich schriftlich, einen Betrugsversuch zu melden, wenn sie Kenntnis davon bekommen", erläutert Professor Ann von der TU. So werde versucht, eine gleiche Ausgangslage für alle zu schaffen - "denn letztendlich entscheiden Noten über Lebenschancen". Im Gegensatz dazu gelte unter den Studierenden in Deutschland das Credo: "Ein guter Student lässt andere abschreiben."

Ted Kennedy durfte nach zwei Jahren in der Armee als Student nach Harvard zurückkehren. 2008, kurz vor seinem Tod, rehabilitierte die Universität den einstigen Mogel-Studenten dann endgültig - als sie ihm für seine Lebensleistung die Ehrendoktorwürde verlieh.