Wissenschaft in Spanien Abschreiben mit Auszeichnung

Im Filz der Vetternwirtschaft an Spaniens Universitäten werden Plagiatoren fürs Abkupfern mitunter sogar noch belohnt. So erhielten zwei des Abschreibens überführte Wissenschaftler Preise für ihre Arbeiten - an einer Hochschule, die das Attribut "Exzellenzuniversität" trägt.

Von Thomas Urban

Den Zeitpunkt für seine Dissertation hatte Alejandro Blanco ausgesprochen schlecht gewählt: Der Vorsitzende des Olympischen Komitees Spaniens reichte die Arbeit vor einem Jahr ein, als die Medien noch mehr als sonst ein Auge auf ihn hatten. Das von der Krise gebeutelte Madrid war gerade in die Endausscheidung für die Olympischen Sommerspiele 2020 gekommen, und Blanco, langjähriger Präsident des Königlich-Spanischen Verbandes für ostasiatischen Kampfsport, war zum Chef des Bewerbungskomitees gewählt worden. Vorgelegt hat er eine "soziologisch-sportliche Analyse" des spanischen Olympia-Teams 2008.

Also prüften einige Sportwissenschaftler besonders genau seine Arbeit, für die er von der Universität der galicischen Hafenstadt Vigo promoviert werden wollte. Bald wurde den Medien gesteckt: Der frühere Judoka habe ein Plagiat eingereicht. Eine in großen Zügen identische Arbeit habe es an der Universität Alicante am anderen Ende Spaniens gegeben. Pikanterweise wurden beide Werke von derselben Professorin betreut.

Es war nicht die erste Plagiatsaffäre an der Uni Vigo, die übrigens den Titel "Exzellenzuniversität" trägt. In der Nebenstelle der Hochschule im 100 Kilometer östlich gelegenen Ourense hatte vor drei Jahren der Leiter des Lehrstuhls für physikalische Chemie, der frühere Dekan Juan Carlos Mejuto, landesweite Bekanntheit erlangt. Er hatte gemeinsam mit anderen Autoren zwei Aufsätze für das angesehene Journal of Chemical & Engineering Data von zwei chinesischen Experten abgekupfert.

Begrenzte Englischkenntnisse als Ausrede

Mejuto erklärte, die Aufsätze der Chinesen hätten nur als "Sprachmuster" gedient, wegen der begrenzten Englischkenntnisse der spanischen Experten. Irrtümlicherweise sei an die Redaktion in den USA ein Teil der Materialsammlung geschickt worden. Die amerikanischen Herausgeber ließen diese Ausrede aber nicht gelten: Es handle sich eindeutig um ein Plagiat.

Spanische Zeitungen haben darüber ausführlich berichtet, doch negative Konsequenzen blieben aus, im Gegenteil: Zwei der Autoren erhielten sogar Preise. Einer der beiden bekam nicht nur eine Exzellenzauszeichnung für seine Doktorarbeit zum selben Thema, sondern zusätzlich ein üppig dotiertes Forschungsstipendium für eine ausländische Hochschule "eigener Wahl". Und das alles zu einem Zeitpunkt, als Spaniens Hochschulen Tausenden Dozenten mitteilten, dass sie deren Verträge wegen des Sparkurses nicht verlängern könnten. Infolge von "Rationalisierungsmaßnahmen" angesichts der Wirtschaftskrise hatte es damals eine Kündigungswelle gegeben, zu Lasten vor allem des Nachwuchses.

Mejuto selbst, der weiterhin ein Doktorandenprogramm führt, bekam für die "exzellente Leistung" seines Wissenschaftler-Teams einen Preis der konservativen Regionalregierung, obwohl dort die Kontroverse bekannt war. Der zuständige Minister Jesús Vázquez Abad ist ein alter Bekannter, er war früher ebenfalls Dekan in Ourense. Preisgeld: 112.000 Euro. Auch der Rektor von Vigo hat die überführten Plagiatoren stets in Schutz genommen. Mittlerweile hat er noch ganz andere Sorgen: Gegen ihn läuft ein Verfahren wegen Geldwäsche in Höhe von 1,6 Millionen Euro.

Ein Echo fand in der Presse auch die Arbeit einer Gruppe von Betriebswirtschaftlern: Ganze Absätze einer Untersuchung über die Agrarwirtschaft im Einzugsbereich des durch Ourense fließenden Rio Miño waren wortwörtlich aus einer Studie über den Ebro übernommen worden waren. Beim Kopieren haben die Autoren allerdings nicht aufgepasst, sie ließen nämlich Passagen über geografische Merkmale der Ebro-Region stehen. Doch trotz des offenkundigen Plagiats wurden der Forschungsgruppe für die Studie insgesamt 42.722 Euro überwiesen, die ursprünglich aus einem EU-Fonds stammen.