Stress im Studium "Vielen mangelt es an einer gesunden Selbstsicherheit"

Viele Studierende haben große Angst zu scheitern, meint Therapeut Florian Reß.

(Foto: dpa)

Viele Studierende haben laut einer Studie psychische Probleme. Therapeut Florian Reß erklärt, wie sich bei Uni-Stress die Abwärtsspirale vermeiden lässt.

Interview von Matthias Kohlmaier

Immer mehr junge Menschen leiden an einer psychischen Erkrankung. Der Arztreport 2018 der Krankenkasse Barmer zeigt zudem, dass fast eine halbe Million der Studierenden in Deutschland psychische Probleme hat. Wie es den angehenden Akademikern tatsächlich geht, erfährt Diplom-Pädagoge Florian Reß in seiner täglichen Arbeit. Seit zehn Jahren betreut der Therapeut an der Universität Augsburg Studierende in Krisensituationen.

SZ: Herr Reß, haben wirklich immer mehr Studierende psychische Probleme?

Florian Reß: Es nehmen jedenfalls immer mehr mein Beratungsangebot an und in Gesprächen merke ich, dass immer mehr von ihnen mit einer psychischen Erkrankung zu kämpfen haben. Ich würde aber nicht sagen, dass daran ausschließlich die Uni Schuld ist.

Woran liegt es dann, dass mehr junge Menschen zu Ihnen kommen?

Großteils am Wandel der Gesellschaft. Ich glaube nicht, dass es früher weniger Menschen mit psychischen Problemen gegeben hat. Über die vergangenen Jahre ist aber durch viel Aufklärungsarbeit das gesellschaftliche Stigma ein Stück weit weggefallen. Wer sich heutzutage nicht gut fühlt, schämt sich offenbar nicht mehr dafür, um Hilfe zu bitten.

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Der Vorstandsvorsitzende der Barmer, Christoph Straub, macht unter anderem den gestiegenen Zeit- und Leistungsdruck unter angehenden Akademikern verantwortlich für deren psychische Probleme.

Diese Rückmeldung bekomme ich in Gesprächen mit Studierenden kaum und habe daher den Eindruck, dass Zeit- sowie Leistungsdruck im Studium seit Jahren recht konstant geblieben sind. Natürlich ist im Zuge der Bologna-Reform und damit der Umstellung auf Bachelor/Master anfangs der Druck durch die frühzeitigen Prüfungen gestiegen. Ich meine aber, dass die Studierenden sich darauf mittlerweile eingestellt haben. Für viele bringt das neue System auch Vorteile.

Welche?

Die Verschulung des Studiums im Bachelor hat gerade für diejenigen Vorteile, die sonst Schwierigkeiten hätten, sich an der Uni zurechtzufinden. Hier ist vieles vorgegeben, man kann sich weniger in den umfangreichen Möglichkeiten verlieren, die etwa Magisterstudiengänge früher boten. Und weil schon sehr früh Prüfungen abgelegt werden müssen, merken gerade unsichere Studierende auch schneller, wenn ihre Fächerwahl womöglich nicht passt. Natürlich bringen die frühen und vielen Klausuren auch Stress mit sich, ich würde das System dennoch nicht verteufeln.

Mit welchen studienbezogenen Problemen kommen Studierende zu Ihnen?

Viele haben eine Tendenz, sich sehr kritisch mit Anforderungen auseinanderzusetzen und kommen dann zu dem Schluss: Wir sind zu stark gefordert! Sie fokussieren sich auf mögliche Probleme, statt eigene Stärken zu erkennen und mehr in den Mittelpunkt zu stellen. Das gilt auch bei Zukunfts- und Prüfungsängsten, die viele Studierenden haben. Zusammengefasst: Vielen mangelt es an einer gesunden Selbstsicherheit.

Was lässt sich dagegen tun?

Sich von vornherein klarmachen, dass es während des Studiums Höhen und Tiefen geben wird. Das bedeutet nicht, dass man sich davor fürchten muss. Ich beobachte aber häufig, dass Studierende etwas naiv an die Uni kommen. Dann stellen sie fest, dass es doch nicht so einfach läuft, machen sich zunehmend Sorgen und verlieren den Glauben an das eigene Können.

Eine Abwärtsspirale also.

Das kann man so sagen. Ich rate in Gesprächen dazu, sich bewusst zu machen, was man gut kann und wie man zum Beispiel das Abitur geschafft hat. Es hilft auch sehr, sich mit Familie, Freunden und Kommilitonen über die empfundene Belastung auszutauschen. So kann sich jede und jeder klarer machen, um was es eigentlich geht und ob das wirklich so besorgniserregend ist, wie anfangs befürchtet. Durch gelegentliches Reflektieren lässt sich das Abrutschen in eine größere Krise meist verhindern.

Haben Sie noch einen Tipp, wie Studierende gelassen durch die Prüfungszeit kommen?

Ganz profan: Ausreichend Schlaf ist wichtig, gerade für die Merkfähigkeit. Zudem rate ich immer wieder, die Prüfungen als Herausforderung zu begreifen und nicht nur das mögliche Scheitern zu sehen. Und wenn man doch merkt, dass sich Lernblockaden aufgebaut haben und der Druck immer schwerer erträglich wird, unbedingt Beratungsangebote wahrnehmen. Die gibt es in verschiedenen Formen mittlerweile an fast allen Unis - und es ist absolut keine Schande, sich ein Problem einzugestehen und Hilfe anzunehmen.