Schule "Es geht nicht darum, Endgeräte über die Schulen auszuschütten"

Angela Merkel wiederum, auf dem Weg zu Barack Obama, fragte in Saarbrücken eine siebte Klasse der dortigen Bellevue-Gemeinschaftsschule, die der Kanzlerin als digitale Vorführgruppe in die Congresshalle zugeschaltet wurde: Ob denn die Tablet-Computer, mit denen sie lernten, der Schule gehörten oder ob sie sie mit nach Hause nehmen dürften? Antwort einer Schülerin: "Nein, aber zu Hause brauche ich kein Tablet, da habe ich ja mein Handy." Schmunzeln im Saal und bei der Kanzlerin.

Was hier vor sich geht, ist das Ineinandergreifen eines gewaltigen kulturellen Umbruchs mit den Mühen der Verwaltung. Denn auf der einen Seite sollen die Schulen in Deutschland nun wirklich digital aufgerüstet werden. Laut einer aktuellen Studie für die Initiative "D21" sind 44 Prozent der Lehrkräfte "weniger zufrieden" oder "unzufrieden" mit der Ausstattung ihrer Schule, und mehr als die Hälfte der befragten Lehrer sehen die mangelhafte Internetgeschwindigkeit als Hürde für den Unterricht mit digitalen Medien.

Dem will Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) mit ihrer im Herbst vorgestellten 5-Milliarden-Euro-Initiative abhelfen. In Saarbrücken bekräftigte sie diesen Plan, der indes unter dem "Primat der Pädagogik" stehen solle. Allerdings ist noch nicht klar, ob dieser "Digitalpakt" des Bundes - den man strukturell mit dem Kita-Ausbau vergleichen kann - noch in dieser Legislaturperiode verabschiedet wird. Wahrscheinlich wird er erst nach der nächsten Bundestagswahl auf den Weg gebracht.

Erklär das mal dem Lehrer!

In einem Berliner Gymnasium ist das Lernen am Computer eine Selbstverständlichkeit: Dort bilden sich die Lehrer gezielt weiter - mithilfe ihrer Schüler. Von Carsten Janke mehr ...

Auf der anderen Seite steckt hinter der heftigen Diskussion über Smartphones in der Schule ein grundlegender Strategiewechsel. Die Idee ist, dass die Computerräume mit festen, oft veralteten Rechnern komplett entrümpelt werden, dass auch keine Laptops mehr an Schüler verteilt werden, und auch kaum noch Tablets. Das staatliche Bildungssystem sorgt sich vielmehr bloß noch um Breitband, drahtloses Netzwerk, Beamer und Server, während die Lehrer und Schüler ihre mobilen Geräte selber mitbringen. Auf Englisch: BYOD - "Bring your own device".

Da gehen eine radikal andere Bildungsidee für die Smartphone-Generation und schlichter finanzieller Realismus miteinander einher. "Eine adäquate Ausstattung mit Tablets, Smartphones oder Rechnern für alle Schüler kann sich kein Land leisten", sagt Hamburgs Schulsenater Ties Rabe (SPD) in einem begleitenden Interview. Dasselbe meint Bundesministerin Wanka, wenn sie in Saarbrücken erklärt: "Es geht nicht darum, Endgeräte über die Schulen auszuschütten." Passend dazu stellte Wanka denn auch das Pilotprojekt einer "Schul-Cloud" vor, programmiert vom Hasso-Plattner-Institut. Es wird an ausgewählten Schulen ausprobiert und vielleicht demnächst zentral auf Bundes- oder Landesebene abrufbar sein. Eine staatliche Bildungs-Cloud, das heißt: Man greift auf multimediale Unterrichtsinhalte, auf Lern- und Übungsprogramme, Stundenplansoftware und Ähnliches mehr zu, und die technische Infrastruktur der einzelnen Schule wird damit entlastet. Keiner muss mehr Schulbücher herumschleppen.

Das mag erst einmal ziemlich großartig klingen, und so wurden denn die vielen rechtlichen, sozialen und didaktischen Schwierigkeiten, die sich mit solchen Plänen auch verbinden, auf dem Saarbrücker IT-Gipfel lieber nicht groß zum Thema gemacht. Stattdessen summte und brummte es vor neuen digitalen Bildungsprojekten, in der Congresshalle und auf dem parallelen Kongress an der in Informatik starken Universität des Saarlandes: fröhliche Buchstabenlern-Apps für Grundschüler, Lösungen der Schulbuchverlage wie "Digitaler Unterrichtsassistent", ein Flüchtlings-Computerspiel der Firma "Serious Games Solutions", die "Smart School", Nachhilfedienste wie "kapiert.de". Und Brigitte Zypries, parlamentarische Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium, bedankte sich artig bei den Vorstandschefs von Telekom und Google für Zuschüsse zu dem programmierbaren Mini-Rechner "Calliope", der in allen dritten Klassen verteilt wird und Forschergeist wecken soll.