Schule "Ein Tempo für 25 Kinder - das funktioniert nicht"

Zehntklässler an einem Gymnasium in Baden-Württemberg

(Foto: dpa)

Wie wirkt sich der Schulwechsel auf die Intelligenz aus? Wo wird soziale Ungleichheit spürbar? Unterrichtsforscherin Miriam Vock erklärt, wie Schule für alle gelingt.

Interview von Matthias Kohlmaier

Wie können Lehrer parallel leistungsschwache und leistungsstarke Kinder in einer Klasse fördern? Wie klappt die Integration von Flüchtlingskindern? Und wie steht es um die Inklusion an Deutschlands Schulen? Fragen, mit denen sich Miriam Vock, Professorin für Empirische Unterrichts- und Interventionsforschung an der Uni Potsdam, beschäftigt. Kürzlich hat sie die Studie "Umgang mit Heterogenität in Schule und Unterricht" mitverfasst.

SZ.de: Frau Vock, in Deutschland ist es der Normalfall, dass Kinder nach der Grundschule auf Basis ihrer Leistungsfähigkeit auf die weiterführenden Schulen verteilt werden. Was halten Sie davon?

Miriam Vock: Gar nichts. Viele andere Länder haben sich nicht zufällig längst von diesem Prinzip verabschiedet. Auch für Deutschland zeigen viele Studien, dass der Übergang zumeist weder leistungsmäßig noch sozial gerecht abläuft.

Wie meinen Sie das?

Erstens ist das Leistungsspektrum innerhalb der Schularten Gymnasium, Realschule und so weiter viel zu groß. Da ist es kaum möglich, eine eindeutige Aufteilung zu machen. Und zweitens ist der soziale Einfluss beim Übergang an die weiterführenden Schulen noch immer immens. Kinder von Akademikern gehen mit einer viel größeren Wahrscheinlichkeit aufs Gymnasium als Kinder von Eltern, die selbst nur einen Hauptschulabschluss haben.

Passiert die Verteilung der Kinder auf verschiedene Schularten auch zu früh?

Ja. Studien haben mittlerweile nachgewiesen, dass ein anspruchsvoller Unterricht auch die Intelligenz anregt. Die Intelligenz, eigentlich ein ziemlich stabiles Merkmal eines Menschen, ist auch davon abhängig, ob man als zehnjähriges Kind aufs Gymnasium oder die Hauptschule wechselt.

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Wie lange sollten denn alle Kinder gemeinsam unterrichtet werden?

Schwierige Frage. Wissenschaftlich gesichert ist, dass es hauptsächlich an den Bruchstellen einer Schulkarriere zu sozialer Ungleichheit kommt. Daher würde man grundsätzlich denken: Je später aufgeteilt wird, desto besser. Ich meine aber, dass der schulische Erfolg - ganz unabhängig, wann wer welche Schule besucht - davon abhängt, wie der Unterricht selbst gestaltet ist.

Was raten Sie?

Dem gegliederten Schulsystem liegt die Idee zugrunde, dass man einen statischen Unterricht machen kann, weil alle Kinder einer Klasse die nahezu gleichen Voraussetzungen mitbringen. Aber das stimmt nicht. Daher muss Unterricht immer differenzieren. Leistungsstarke Schüler dürfen sich nicht langweilen, leistungsschwache sollen sich langsam steigern können.

Damit das gelingt, fordern seit Langem viele Experten, dass eigentlich pro Klasse immer zwei Lehrer im Raum sein müssten. Wie sehen Sie das?

Das wäre natürlich der Idealfall. Der ist im Moment aber sehr unrealistisch, weil das ja nicht mal in den Inklusionsklassen funktioniert, wo es eigentlich vorgesehen ist. Ich denke, man braucht nicht nur mehr Lehrer, sondern allgemein viel mehr pädagogisch geschultes Fachpersonal an den Schulen.