Pisa-Studie In jeder zweiten Klasse wird ein Kind gequält

Beinahe jeder sechste 15-Jährige in Deutschland berichtet, mehrmals im Monat in der Schule verspottet, gedemütigt, angerempelt oder geschlagen zu werden.

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Mobbing-Opfer sind nicht selber schuld, wie oft behauptet wird. Dass sich gemeine Sprüche und Schubsen reduzieren lassen, zeigt ein Blick in die Niederlande.

Von Susanne Klein

Fünfzehn Jahre alt zu sein und zur Schule zu gehen, ist riskant für Seele und Leib: Beinahe jeder sechste Schüler dieses Alters in Deutschland berichtet, mehrmals im Monat verspottet, gedemütigt, angerempelt oder geschlagen zu werden. Danach gefragt haben die Macher der Pisa-Studie. Sie interessierte in ihrer neuen Erhebung nicht nur, wie viel Jugendliche vom Aufbau des Atomkerns verstehen, sondern auch, wie sie ihre persönliche Lebenssituation sehen. Viele Daten kamen zusammen, die Zahlen zum Mobbing erregen nun Aufsehen.

Im Durchschnitt der 35 OECD-Länder, den Pisa jeweils errechnet, fühlt sich sogar nahezu jeder fünfte Teenager wiederholt gemobbt. Wie so oft verortet der Report Deutschland im Mittelfeld; nur dass man sich damit diesmal nicht beruhigt zurücklehnen sollte. Ein paar Details: Zwischen vier und neun Prozent der deutschen Schüler geben an, dass sie regelmäßig ausgeschlossen, lächerlich gemacht oder mit hässlichen Gerüchten gequält werden, oder dass Mitschüler ihnen Sachen wegnehmen und sie zerstören. Mehr als zwei von hundert 15-Jährigen beklagen, sie würden bedroht, geschubst oder geschlagen. Rein rechnerisch in jeder zweiten Klasse ein Kind. Ein Kind zu viel.

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Lässt sich Mobbing aus der Welt schaffen? Vielleicht nicht ganz, Gemeinheiten unter Schülern sind so alt wie die Schule selbst. Immer jedoch ein Grund mehr hinzuschauen. Die Betroffenen haben früher gelitten, sie tun es heute. Jeder dritte gemobbte Jugendliche ist mit seinem Leben unglücklich - bei den nicht Betroffenen jeder zehnte. Ein erster Schritt zur Intervention ist: Mobbing nicht länger kleinreden, nur weil es so häufig ist. Den anderen zu verachten, zu beschädigen, darf nicht als "normal" durchgehen. Ein erster Schritt ist: endlich damit aufhören, Opfern eine Mitschuld zu geben. Das eine oder andere Kind mag Auslöser bieten; eine Verantwortung für das, was ihm angetan wird, trägt es nie. Der ist doch selber Schuld; der hat's verdient - das sind Sätze aus der Schwarzen Pädagogik. Unverzichtbare Schritte sind auch, Tätern und Mitläufern glasklare Schranken zu setzen.

Und bei der anstehenden Digitalisierung der Schulen muss ganz oben auf der To-do-Liste die Medienerziehung stehen. Dabei sollten Lehrer, Sozialpädagogen und Psychologen den Jugendlichen unmissverständlich klarmachen, wie vernichtend Cybermobbing wirkt. Bloßstellende Fotos auf Instagram, Hate Speech auf Youtube: Wer in Rollenspielen merkt, wie es sich anfühlt, mit diesen Mitteln zu verletzen und verletzt zu werden, zeigt hoffentlich mehr Rückgrat und Empathie.

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Die eine Medizin gegen Mobbing gibt es nicht, dafür ist das Phänomen zu komplex. Daher braucht es Bewegung auf allen Rängen: Schulen können mehr tun, um Sicherheit und Respekt zu garantieren. Bund, Länder, Städte können ihre Anti-Mobbing-Programme ausbauen und voneinander lernen. Zu oft sind Strategien im Umlauf, deren Nutzen ungeprüft ist. Zu Recht empfehlen Pisa-Experten auch Blicke ins Ausland: In den Niederlanden wird weitaus weniger gemobbt.

Und natürlich muss jedes Programm die Lehrer einbeziehen. Das sehen sie selbst so, fordern mehr Unterstützung. Wie zum Beispiel können sie die Eltern besser beteiligen? Wie so oft spielen sie eine immense Rolle. Jugendliche, deren Eltern bei schulischen Problemen helfen, sind seltener Mobbingopfer. Aber nur drei von zehn Eltern sprechen mit Lehrern ganz generell über die Entwicklung ihrer Kinder - und auch nur vier von zehn Eltern, deren Kinder häufig gemobbt werden. Wieso wird da, wo gelitten wird, so wenig gesprochen? Mangelndes Problembewusstsein, hinderliche Scham, zu wenig Hilfsangebote? Es gibt wirklich viel zu tun.

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