Inklusion "Da wurde ein erfolgreiches System zerstört"

Ein Junge im Rollstuhl nimmt in einer fünften Klasse der Waldschule in Mannheim am Unterricht teil.

(Foto: dpa)

Thomas Binn hat jahrelang eine Grundschulklasse begleitet, in der Kinder mit und ohne Behinderung lernen. Sein Dokumentarfilm zeigt die Wirklichkeit der Inklusion.

Interview von Susanne Klein

In 60 deutschen Kinos zu starten, das ist für eine No-Budget-Dokumentation eine Sensation. Thomas Binn trifft mit "Ich. Du. Inklusion" einen Nerv: Der Film begleitet vom Tag der Einschulung bis zur Mitte des dritten Schuljahrs eine Grundschulklasse, in der Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam lernen. Damit bereichert er die häufig abstrakte Debatte über die Inklusion um Einblicke in die Realität der Kinder, Lehrer und Eltern.

SZ: Sie haben in Uedem gedreht, einem kleinen Ort in Nordrhein-Westfalen. Wieso gerade da?

Thomas Binn: Ich war ja lange hauptberuflich Sozialpädagoge und habe vor Jahren mit dem Schulleiter ein Projekt für Jungen entwickelt. Es gab also eine Vertrauensbasis. Jede andere Schule hätte eine Langzeitdoku abgelehnt. Und Uedem war gerade richtig: bürgerliche Mitte, relativ heile Welt, engagierte Schule. Wenn die Inklusion da schon nicht funktioniert, wie soll sie dann in Köln-Chorweiler funktionieren?

Woran scheitert die Schule?

An Erfahrung mangelt es ihr nicht, sie war 15 Jahre Projektschule für gemeinsamen Unterricht. Jedem Förderkind wurde ein fester Satz an Sonderpädagogenstunden zugewiesen. Bei sieben Kindern in einer Klasse kam etwa eine volle Stelle heraus, es gab also ein Zweierteam aus Lehrer und Sonderpädagoge. Das änderte sich dramatisch, als 2014 die Inklusion an allen Schulen eingeführt wurde. Der spezielle Stundensatz entfiel, weil es für so viele Kinder gar nicht genug Sonderpädagogen gibt.

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Was heißt das für die Klasse im Film?

Von 22 Kindern sind sieben förderbedürftig. Und wie oft kommt die Sonderpädagogin? Sieben Stunden pro Woche. Frau Heß, die Klassenlehrerin, ist meist allein. Da wurde ein erfolgreiches System zerstört.

Ein Mädchen erzählt, dass sie sich oft stundenlang meldet, ohne dranzukommen.

Ja. Dabei ist Frau Heß ein Traum, eine Lehrerin mit Herzblut. Aber sie steht vor einer unlösbaren Aufgabe. Weil der Sparzwang an unseren Schulen dem Bildungsauftrag vorangestellt wird. Das politische System, das die Inklusion verordnet, verhindert zugleich, dass sie umgesetzt wird.

Wie reagiert die Politik auf Ihren Film?

Bei der Premiere in Düsseldorf hat die bildungspolitische Sprecherin der Grünen in NRW gesagt, die Landesregierung habe 1,5 Milliarden Euro in Bildung investiert und alles Menschenmögliche getan. Da hat das Publikum laut protestiert. Die Leute an der Basis wissen, was alles fehlt. In Uedem zum Beispiel musste ein Erstklässler mit einer Hörnervstörung die Schule verlassen, weil sie nicht finanzieren konnte, was er an Geräten, Lehrmaterial und Betreuung gebraucht hätte. Seitdem fährt er täglich ins 35 Kilometer entfernte Wesel. Per Taxi.