Gewalt gegen Lehrer Es geht um mehr als ein paar Einzelfälle

An jeder vierten Schule in Deutschland wurden in den vergangenen fünf Jahren Lehrkräfte körperlich angegriffen.

(Foto: dpa)

Eine Umfrage zeigt, dass Lehrkräfte häufig physisch und psychisch attackiert werden. Die Politik darf dieses Problem nicht länger kleinreden.

Kommentar von Paul Munzinger

An jeder zweiten Schule wurden in den letzten Jahren Lehrer beschimpft oder bedroht, an jeder vierten körperlich attackiert, an jeder fünften im Internet gemobbt. Als Udo Beckmann, Chef der Lehrergewerkschaft VBE, diese Zahlen am Mittwoch präsentierte, fragten ihn die Journalisten immer wieder, was das denn nun heiße: Nimmt die Gewalt zu? Nimmt sie ab? Beckmanns Antwort, sinngemäß: Wie sollen wir das wissen? Wir fangen gerade erst an, die Zahlen zu erheben. Sonst macht es ja keiner.

Über Schulen in Deutschland ist in letzter Zeit immer wieder diskutiert worden, es ging um Mobbing, um Antisemitismus, um Kopftücher, um körperliche Gewalt. Die Debatten sind emotional, auch deshalb, weil an Schulen Probleme im Kleinen auftreten, die die Gesellschaft als Ganzes umtreiben. Gerade deshalb ist es geboten, diese Debatten zu versachlichen, über Fakten statt über Gefühle zu streiten. Gerade deshalb ist es geboten, wissen zu wollen, wie groß oder klein die diskutierten Probleme wirklich sind. Aber wie soll das gehen, wenn es keine Daten gibt?

Unter dem rauen Klima im Klassenzimmer leiden alle

Der VBE hat Recht, wenn er der Politik Versäumnisse vorwirft. Mehrere Bundesländer antworteten auf die Frage des Verbandes nach Vorfällen von Gewalt gegen Lehrkräfte, dazu würden keine Zahlen erhoben. Bremen teilte gar mit, dass es zwar keine Statistik gebe, dass man aber versichern könne, "dass es nur um Einzelfälle geht". Das ist kein angemessener Umgang mit einer so sensiblen Frage. Die Zahlen zeigen, dass es sich keineswegs um Einzelfälle handelt. Doch genau dieser Glaube trägt dazu bei, dass viele Fälle ohne Folgen bleiben. Weil die betroffenen Lehrer das Gefühl haben, versagt zu haben - und sie aus Scham gar nicht erst melden.

Ein Missverständnis wäre es aber zu glauben, dass es hier nur um Lehrer geht. Das Gegenteil ist richtig. Unter dem rauen Klima an vielen Schulen hat das ganze Klassenzimmer zu leiden, egal ob hinter oder vor dem Pult. Viele Maßnahmen, die der VBE nun einfordert - mehr Schulpsychologen, Sozialarbeiter, eine bessere Lehrerausbildung - kämen Lehrern und Schüler gleichermaßen zugute.

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