Gewalt an Schulen Tritt vors Schienbein, Schlag in die Magengrube

Kommt es zu Gewalt im Klassenzimmer, haben viele betroffene Lehrkräfte den Eindruck, versagt zu haben.

(Foto: imago/photothek)

Gewalt gegen Lehrkräfte kommt an vielen Schulen vor. Gerhard Brand vom Verband Bildung und Erziehung erklärt, warum Lehrer wie Polizisten wahrgenommen werden sollten.

Interview von Matthias Kohlmaier

In den vergangenen fünf Jahren sind an fast jeder zweiten Schule Deutschlands Lehrkräfte beleidigt oder bedroht worden, an jeder fünften Schule gab es Fälle von Cyber-Mobbing gegen sie und an 26 Prozent der Schulen wurden Lehrkräfte körperlich attackiert. Das geht aus einer Umfrage unter Schulleitern hervor, die der Verband Bildung und Erziehung (VBE) in Auftrag gegeben hat.

Bereits 2016 hatte der VBE eine ähnliche Befragung durchgeführt, damals unter den Lehrkräften selbst. Die Ergebnisse unterscheiden sich kaum von denen der aktuellen Studie. Gerhard Brand, Landesvorsitzender des VBE Baden-Württemberg, hofft nun, dass das Problem auf politischer Ebene endlich ernster genommen wird.

SZ: Herr Brand, zuletzt hat der VBE vor zwei Jahren eine Umfrage zum Thema Gewalt gegen Lehrkräfte initiiert. Hat sich seitdem etwas positiv verändert?

Gerhard Brand: Erfreulich finde ich, dass heute ein deutlich geringerer Teil der Befragten Gewalt gegen Lehrkräfte als Tabuthema wahrnimmt als noch 2016. Dennoch: Als der VBE für die Berichterstattung zur aktuellen Umfrage an Schulen und bei Lehrkräften angerufen und darum gebeten hat, dass sie vor der Kamera etwas dazu sagen, kamen nur Absagen. Betroffene scheuen die Öffentlichkeit.

Umfrage zu Gewalt

An jeder vierten Schule werden Lehrer tätlich angegriffen

Noch sehr viel häufiger werden sie beschimpft und beleidigt. Das zeigt eine Umfrage. Die Lehrer fordern mehr Unterstützung von der Politik.

Woran liegt das?

Offenbar will keine Schule als diejenige dastehen, an der es Probleme mit Gewalt gibt. Denn wer würde seine Kinder dann noch dorthin schicken wollen. Dazu kommt, dass in der Vergangenheit oftmals der Rückhalt aus den Behörden gefehlt hat, wenn Lehrkräfte tatsächlich tätlich angegriffen wurden. Viele dieser Fälle verlaufen im Sand.

Liegt das in gewisser Weise auch an den Lehrkräften selbst?

Das ist auf jeden Fall ein Faktor. Damit Unterricht gelingen kann, ist eine positive Beziehung zwischen Lehrern und Schülern wichtig. Kommt es zu Gewalt im Klassenzimmer, haben viele betroffene Lehrkräfte den Eindruck, versagt zu haben. Von Eltern wird oft noch das Gefühl vermittelt, dass das Problem natürlich nicht beim Kind liege und dass im Unterricht ja ohnehin viele Dinge anders laufen müssten. Kollegen in so einer Situation gehen viel zu selten zur Schulleitung und bitten um Hilfe. Ich finde hier den Vergleich zwischen Lehrkräften und Polizisten ganz erhellend.

Wie meinen Sie das?

Wenn ein Polizist angegriffen und womöglich sogar verletzt wird, gilt er als Held, der sich in den Dienst der Gesellschaft stellt. Passiert das einem Lehrer, steht er als Versager da, der seine Klasse nicht im Griff hat. Da braucht es dringend ein Umdenken.

Sie finden, dass Lehrkräfte von der Gesellschaft zu wenig geschätzt werden?

Manchmal ja. Zur Schule ist schließlich jeder mal gegangen; viele Eltern meinen, dass sie deswegen den Job besser könnten. Sie glauben gar nicht, was teilweise in Sprechstunden für Ratschläge von Eltern kommen. Wobei das eigentlich weniger Ratschläge, sondern fast schon Anweisungen sind - immer mit dem Fokus auf das eigene Kind. Dass in so einer Klasse noch 25 andere Kinder sitzen, daran denken viele Eltern nicht. Trotzdem ist es natürlich Aufgabe der Schulen, die Eltern im Sinne der Erziehungspartnerschaft einzubeziehen. Das klappt bei manchen besser und bei anderen nicht so gut.