FU Berlin Nicht-Akademiker-Kinder, die unbekannten Wesen

Studium-generale-Quiz Haben Sie das Zeug zum Gelehrten?

Studierende, deren Eltern keinen Hochschulabschluss haben, tun sich schwer im Studium. Findet zumindest die FU Berlin und will helfen - mit einem Leitfaden für Dozenten, der von Klischees und Diskriminierung nur so strotzt.

Von Johanna Bruckner

Die Zeiten sind vorbei, in denen die Bildungselite an deutschen Unis unter sich war. Zwar haben Akademikerkinder immer noch eine größere Chance auf einen Universitätsbesuch als andere. An den Unis sind der jüngsten Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (DSW) zufolge aber etwa gleich viele Studierende aus Akademiker- und Nicht-Akademiker-Familien anzutreffen.

Das Nicht-Akademiker-Kind ist also alles andere als eine schützenswerte und besonders förderungsintensive Minderheit. Die Freie Universität (FU) Berlin lässt ihnen trotzdem eine besondere Zuwendung angedeihen.

Auf der Webseite der FU Berlin ist unter dem Punkt "Diversität und Lehre" unter anderem eine didaktische Empfehlung "Bildungshintergrund Nicht-Akademiker Familien" zu finden (Anmerkung der Redaktion: Bei Erscheinen des Textes war dieser Link noch aktiv). Diese soll Dozenten offenkundig für den Umgang mit Betroffenen (dieser Begriff drängt sich bei der Lektüre auf) sensibilisieren - strotzt aber nur so vor klischeehaften Thesen und diskriminierenden Tipps.

So sind die Autoren offenkundig wenig zuversichtlich, dass Eltern ohne Uni-Abschluss ihren Kindern diesen höheren Bildungsweg ermöglichen wollen. In der Empfehlung heißt es:

Mangelnde finanzielle oder ideelle Unterstützung durch das Elternhaus, Vorbehalte gegenüber dem beruflichen Nutzen eines Studiums und Schwierigkeiten mit Konkurrenzdruck unter Studentinnen und Studenten können das Studium gravierend beeinträchtigen.

Pauschale Unterstellungen

Nun ist die hier zum Ausdruck gebrachte Sorge teilweise sicher berechtigt. Die Finanzierung ihres Studiums stellt für viele Studierende aus Nicht-Akademiker-Familien eine Herausforderung dar. Aber Müttern und Vätern ohne akademischen Abschluss pauschal zu unterstellen, sie gönnten ihren Kindern selbigen nicht beziehungsweise hielten ein Studium für Zeitverschwendung, ist mindestens gewagt und empirisch nicht belegt. Genauso gut könnte man behaupten, dass gerade Studierende aus Nicht-Akademiker-Familien besonders ehrgeizige und unterstützende Eltern haben.

Außerdem: Haben Studierende aus Nicht-Akademiker-Familien nicht allein dadurch, dass sie es bis zum Abitur geschafft haben, bewiesen, dass sie sehr gut mit Konkurrenz- und Leistungsdruck umgehen können? Warum also sollte das Kind eines Facharbeiters damit an der Uni mehr Probleme haben als ein Arztkind?

Weil, so ist zu lesen, Studentinnen und Studenten aus Nicht-Akademiker-Haushalten verstärkt zweifelten, "ob sie an eine Hochschule gehören bzw. dort akzeptiert werden und die entsprechenden Voraussetzungen für ein Studium mitbringen". Nun mag das für einige Studierende tatsächlich zutreffen. Einen empirischen Beweis für ihre verallgemeinernde Aussage bleiben die Verfasser aber wiederum schuldig.

Dafür werden sie konkret in Bezug auf die besonderen Herausforderungen, die Studierende mit "geringerer kultureller und sozialer Sicherheit innerhalb des akademischen Milieus" an der Uni erwarten.

Beispielsweise bei: der Demonstration ihrer Leistungsfähigkeit, z.B. in Diskussionen; der Prüfungsvorbereitung und dem Absolvieren von Prüfungen; der zeitlichen Planung des Studiums; der Initiierung von Praktika oder Semester im Ausland; der Bewerbung für Tutoren- oder studentische Hilfskraftstellen; der Promotionsabsicht.

Manches davon mag Studierenden aus bildungsbürgerlichen Familien tatsächlich leichter fallen: So ist in Akademiker-Haushalten eher das Geld da, um dem Nachwuchs einen Auslandsaufenthalt zu finanzieren. Aber ob Studierenden die Selbstorganisation im Studium schwerfällt oder nicht, ist wohl eher eine Typ- als eine Herkunftsfrage.

"Fach- und Fremdwörter unaufgefordert definieren"

Wirklich haarsträubend wird es beim letzten Punkt, der Dozenten Handlungsempfehlungen für den Umgang mit Studierenden aus Nicht-Akademiker-Familien gibt. Da heißt es beispielsweise:

Besser fördern und integrieren können Sie diese Studentinnen und Studenten, indem Sie versuchen, Studentinnen und Studenten die Angst vor Redebeiträgen zu nehmen, sie zu Diskussionen ermutigen und jeden Redebeitrag - unabhängig von der Qualität - wertschätzen.

Wer als Dozent an dieser Stelle noch zweifelt, ob der Tipp impliziert, dass von Studierenden aus Nicht-Akademiker-Familien eher unqualifizierte Redebeiträge zu erwarten sind als von ihren Kommilitonen aus Akademiker-Familien, muss nur weiterlesen, um sicher zu sein. Als Nächstes wird Lehrenden nämlich nahegelegt, im Kurs eine Atmosphäre zu schaffen, "in der es keine 'dummen Fragen' gibt". Neben dem inhaltlichen Niveau sollten Dozenten außerdem das sprachliche Niveau dem Publikum anpassen, indem sie "akademische Fach- und Fremdwörter unaufgefordert definieren".

Das ist zwar grundsätzlich ein didaktisch vernünftiger Vorschlag - doch im vorliegenden Kontext bekommt er eine höchst zweifelhafte Konnotation. So sieht das auch Peter Riedlberger. Ihm stoßen die Empfehlungen der FU Berlin doppelt übel auf. Er stammt aus einer Arbeiterfamilie (Vater Maurer und Schulbusfahrer, Mutter "klassische Hausfrau") und ist Dozent für Alte Geschichte an der Universität Augsburg. Sein Befremden über den Leitfaden hat er in einem Gastbeitrag für das Online-Magazin Telepolis zum Ausdruck gebracht. Darin schreibt er:

Ehe ich auf die FU-Website hingewiesen wurde, war mir nicht bewusst, dass ich einer spezieller Pflege bedürfenden Minderheit angehöre; niemand an der Universität hätte mich dergleichen jemals (und sei es auch nur in Andeutungen) spüren lassen. Was wir hier erleben, scheint die Geburt einer Minderheit zu sein. Aus den Empfehlungen der FU-Diversitätler scheint sich ganz klar zu ergeben, dass man zumindest dort davon ausgeht, dass meinesgleichen eher dumme Fragen stellt und Fremdwörter nicht versteht. Man muss hoffen, dass sich solche Stereotypen nicht von der Diversitätsabteilung zu den Fachwissenschaften ausbreiten.

Im Gespräch mit SZ.de bekräftigt Riedlberger: Der Leitfaden entbehre jeglicher praktischen Grundlage, denn im Regelfall wisse ein Dozent überhaupt nicht, welchen Bildungshintergrund seine Studierenden hätten. Was also sollen die Empfehlungen? Riedlberger hofft, dass es sich dabei um wohlgemeinten, wenn auch fehlgeleiteten Aktionismus handelt - und nicht um den Ausdruck eines elitären Weltbilds der Verfasser.

Eine Nachfrage bei der FU Berlin blieb bis zur Veröffentlichung dieses Artikels unbeantwortet.

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