Digitalisierung der Schule Technik hat dem Menschen zu dienen

Digitaler Unterricht an einer Münchner Grundschule

(Foto: Florian Peljak)

Nicht umgekehrt und auch nicht gleichgestellt. Das gilt besonders in der Pädagogik und damit an den Schulen.

Gastbeitrag von Klaus Zierer

Digitalisierung bleibt das Thema der Stunde. Erfreulicherweise, muss aus pädagogischer Sicht hinzugefügt werden, denn mittlerweile nähern sich das Lager der Euphoriker und das der Apokalyptiker in ihren Positionen zusehends an. Das rechte Maß scheint greifbar zu sein. Ein Punkt in der Diskussion ist immer noch neuralgisch. Wer hat die Nase vorn: "Pädagogik vor Technik" oder "Technik vor Pädagogik"? Oder muss es heißen "Pädagogik und Technik"? Bei näherer Betrachtung dieser möglichen Zusammenhänge zeigt sich eine Position als alternativlos: Pädagogik vor Technik.

Dabei lohnt es sich zu unterscheiden, erstens was technisch möglich ist und was pädagogisch sinnvoll ist, sowie zweitens was für das Lernen folgt und was für die Bildung zu beachten ist. Vor diesem Hintergrund lässt sich deutlich machen, wie "Technik vor Pädagogik", aber auch "Pädagogik und Technik" in die Irre führen:

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Technisch möglich ist es schon heute, dass ein Gesichtsscan Informationen über den Gemütsstand von Lernenden liefert. Aber ist es pädagogisch sinnvoll? Wenn Lehrpersonen eines Tages darauf zurückgreifen müssen, dann liegt bereits (zu) viel im Argen. In einer pädagogischen Atmosphäre kommen Lernende auf Lehrpersonen zu, wenn sie Sorgen haben, und Lehrpersonen sprechen Lernende an, wenn sie merken, dass etwas nicht stimmt.

Technisch möglich ist es schon heute, Lernprozesse so zu verpacken, dass Kinder und Jugendliche das Lernen gar nicht mehr bemerken. Aber ist es pädagogisch sinnvoll? Wer Lernen als Unterhaltung interpretiert, verkennt die Bedeutung des Lernens für die Bildung und ignoriert die Grammatik des Lernens, die Herausforderung, Anstrengung und Einsatz ebenso erfordert wie Umwege, Irrwege und Fehler.

Technisch möglich ist es schon heute, dass Fremdsprachen nicht mehr gelernt werden müssen, weil ein Computer als Simultanübersetzer fungiert. Aber ist es pädagogisch sinnvoll? Fremdsprachen sind mehr als Worte. Sie sind Träger von Kultur, von Werten und Normen, von Geschichte. Nicht umsonst folgert Johann Wolfgang von Goethe: "Wer fremde Sprachen nicht kennt, weiß nichts von seiner eigenen."

Technisch möglich ist es schon heute, dass ein Laptop dem Lernenden ein Signal gibt, wenn es an der Zeit ist, eine Pause einzulegen. Aber ist es pädagogisch sinnvoll? Das Ziel von Bildung kann im mündigen Bürger gesehen werden, der frei ist von Zwängen und basierend auf seiner Vernunft Entscheidungen fällt. Nicht das, was man aus mir gemacht hat, ist folglich unter Bildung zu verstehen, sondern das, was ich aus meinem Leben gemacht habe.

Technik hat dem Menschen zu dienen - nicht umgekehrt und auch nicht gleichgestellt. Wenn Technik dem Menschen seine Freiheit und seine Verantwortung nimmt, dann werden Menschen zu Maschinen - und es offenbart sich eine Situation, über die Albert Einstein sagt: "Ich fürchte mich vor dem Tag, an dem die Technologie unsere Menschlichkeit übertrifft. Auf der Welt wird es nur noch eine Generation aus Idioten geben." Somit ist die Frage nach den Möglichkeiten einer Digitalisierung immer gekoppelt an die Grenzen der Digitalisierung und erfordert immerzu, die Chancen für das Lernen den Risiken für die Bildung gegenüberzustellen. Eine umfassende Medienbildung - bestehend aus Medienkunde, Mediennutzung, Mediengestaltung und Medienkritik - ist damit der grundlegende Auftrag einer Digitalisierung im Bildungsbereich.

Klaus Zierer, 41, ist Professor für Schulpädagogik an der Universität Augsburg.

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