Digitale Hochschule Uni to go

Studieren, wo andere Kaffee trinken? Für Studierende der Minerva Schools möglich.

(Foto: Robert Schlesinger/dpa)

Wer sich an der Minerva-Universität einschreibt, sieht keinen Hörsaal von innen. Studierende ziehen alle vier Monate in eine andere Stadt. Bildungsnomaden wie sie sollen die Zukunft sein.

Von Anne Kratzer

Während Gabriella Grahek mit ihrem Dozenten über soziale Bewegungen diskutiert, zieht ein Mann hinter ihr Lidl-Tüten durch den Raum. Ein anderer beugt sich mit einer Lupe über den "Berliner Kurier", aus allen Ecken dringt Gemurmel. Im Eingangsbereich dieser öffentlichen Bibliothek in Berlin tobt das Durcheinander, und Grahek sitzt vor dem Laptop und besucht ein Online-Seminar. Den Ort hat sie bewusst gewählt: Grahek wollte während des Studiums nicht in der Blase eines Universitätsgeländes versinken - sondern in der Welt.

Gabriella Grahek, 20 Jahre alt, ist Studentin des ersten Jahrgangs der Minerva-Universität, einer kalifornischen Hochschule, deren Studenten alle vier Monate an einen anderen Ort in der Welt ziehen. Seminare werden am Laptop besucht. Was auf den ersten Blick wie ein bisschen Bildungsurlaub für Kinder reicher Eltern scheint, ist anstrengend und wird immer beliebter: Mit einer Akzeptanzrate von 2,8 Prozent bei 16 000 Bewerbern war Minerva im vergangenen Jahr selektiver als Harvard, die als wählerischste aller US-Unis gilt.

Der hohe Anspruch dieser erst 2012 gegründeten Hochschule wird an vielen Details sichtbar. Etwa daran, dass nicht eine festgelegte Anzahl von Studenten zugelassen wird, sondern nur solche, die im Zulassungsverfahren eine bestimmte Punktzahl erreicht haben. Oder daran, dass die Dozenten von renommierten Universitäten kommen. Nicht zuletzt, weil die Hochschule psychologische Berater eingestellt hat, die den neuen Studenten erklären, wie sie damit umgehen können, wenn sie nicht mehr die Klassenbesten sind.

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Obwohl es bisher keine Absolventen gibt - und damit keine Erfahrung über den Erfolg der Ausbildung - interessieren sich viele begabte Schulabgänger für die Uni. Das könnte daran liegen, dass sie im Vergleich zu den amerikanischen Top-Unis günstig ist. Etwa 30 000 Dollar zahlen die Studenten pro Jahr inklusive Unterbringung. In Harvard würden sie das Doppelte bezahlen.

Maximal 18 Studenten lernen an der Minerva gemeinsam in einem Seminar, die Kosten für den guten Betreuungsschlüssel kann die Uni andernorts einsparen: Sie braucht keine Gebäude. Grahek hat dieses Konzept überzeugt. Ausschlaggebend für ihre Bewerbung war aber etwas anderes: Der Lehrplan ist so gestaltet, dass die Studenten von den Erkenntnissen aus Gedächtnispsychologie und Unterrichtsforschung profitieren sollen.

Die Studierenden sollen sich überall in der Welt zu Hause fühlen

San Francisco, Berlin, Buenos Aires, Seoul, Taipeh, London und Hyderabad - die Studenten leben nicht zur Zerstreuung in unterschiedlichen Städten, und auch, dass sie aus verschiedenen Ländern stammen, ist Kalkül. Für Stephen Kosslyn, ehemaliger Harvard-Psychologie-Professor und einer der beiden Gründer, ist der Nutzen daraus offensichtlich. Er erklärt ihn mit der "Kontakt-Hypothese". Je mehr man sich mit Fremdem auseinandersetze, desto besser komme man damit zurecht. Sein Ziel ist es, Führungskräfte auszubilden, die sich überall in der Welt zu Hause fühlen.

Gut vorstellbar, dass deren Zimmer aussehen wie das von Grahek: leer, aber mit vielen Weltkarten an der Wand. Die Wohnungen werden von der Uni angemietet, sodass die Studenten sich nicht darum kümmern müssen und zusammenwohnen können. Abends treffen sie sich oft in der WG von Grahek und einem israelischen Pärchen und machen Yoga.