Bildungsstudie der OECD Pisa-Schock hilft benachteiligten Schülern

Ist das deutsche Schulsystem gerechter geworden? Zumindest haben Schüler aus sozial schwachen Familien und mit Migrationshintergrund bei Pisa besser abgeschnitten. Was Politiker und Pädagogen aus dem Bildungs-Schock gelernt haben.

Von Johanna Bruckner und Anna Günther

Kassem Saleh ist einer jener "Bildungsaufsteiger", die von der Politik gerne als Musterbeispiel herangezogen werden, um zu zeigen: Seht her, so undurchlässig und ungerechnet ist unser Schulsystem doch gar nicht - jeder kann das Abitur schaffen! Der 20-Jährige, der 2003 mit seinen Eltern und den drei jüngeren Brüdern aus dem Irak nach Deutschland kam, hat sich hochgekämpft: von der Mittelschule, die in Sachsen zum Haupt- und Realschulabschluss führt (mittlerweile: Oberschule), aufs Gymnasium. Im Sommer hat er in Plauen sein Abitur gemacht, seit diesem Semester studiert er in Dresden Bauingenieurswesen.

Vereinzelte Erfolgsgeschichten allein rehabilitieren Deutschland in Sachen Bildungsgerechtigkeit natürlich nicht. In kaum einem anderen europäischen Land hängt Schulerfolg so sehr von der Herkunft ab wie hierzulande. So war es zumindest bisher. Doch die jüngste Pisa-Studie scheint Anlass zur Hoffnung zu geben. Die besseren Resultate deutscher Schüler kommen laut OECD auch dadurch zustande, dass Mädchen und Jungen aus sozial schwachen Familien und mit Migrationshintergrund zugelegt haben. Deutschland sei es sowohl gelungen, seine Ergebnisse zu verbessern, "als auch die Chancengleichheit bei der Bildung zu erhöhen".

Stellt sich die Frage, woran das liegt: Ist es den Kultusministern tatsächlich gelungen, die schulischen Strukturen seit dem Pisa-Schock Anfang des Jahrtausends so zu verändern, dass benachteiligte Kinder und Jugendliche heute besser gefördert werden? Oder sind heute einfach alle Schüler besser auf Pisa trainiert?

"Routine mit Bildungsstudien"

Havva Engin, Leiterin des Heidelberger Zentrums für Migrationsforschung und Transkulturelle Pädagogik, bejaht beide Fragen. "Wir haben tatsächlich eine gewisse Routine mit Bildungsstudien wie Pisa entwickelt. Die Lehrkräfte wissen, welches Wissen abgefragt wird, und wie - und bereiten ihre Schüler entsprechend darauf vor." Aber Engin sieht auch echte Veränderungen. Pisa habe den Zusammenhang von Milieu und schulischem Erfolg beziehungsweise Misserfolg schmerzhaft ins öffentliche Bewusstsein gerückt und ein Umdenken in der pädagogischen Praxis eingeleitet.

Ähnlich sieht das Ilka Hoffmann von der Lehrer-Gewerkschaft GEW. Die gezielte Förderung von Kindern aus sozial schwachen Verhältnissen und von Migranten sei nach dem schlechten Abschneiden bei der ersten OECD-Studie plötzlich Thema geworden. "Vorher wurde überhaupt nichts gemacht, jetzt macht man wenigstens irgendwas."

So würde das Ludwig Unger, Sprecher des Bayerischen Kultusministeriums, nie formulieren. Er führt lieber konkrete Zahlen ins Feld, die gleichsam belegen sollen: Wir wissen sehr genau, was wir tun. Und dieses bildungspolitische Handeln für Sozialschwächere und Kinder mit Migrationshintergrund setzt in Bayern bereits vor der Einschulung an - weil, da sind sich Experten einig, vor allem frühe Förderung ungleiche Startchancen in der Schule verhindern kann.

In Bayern wurden deshalb die Stunden für den sogenannten "Vorkurs" erhöht. Kinder, die ihr Deutsch verbessern müssen, haben nun 240 Stunden Sprachkurs statt wie früher nur 40 Stunden. Mittlerweile dürfen auch deutsche Kinder daran teilnehmen, ursprünglich galt das Angebot ausschließlich für Schüler aus Migrantenfamilien.