Schule "Moderne Schule erfordert Teamarbeit"

Schulpsychologen haben es ebenso mit schwierigen Schülern zu tun wie mit Eltern, die Lehrkräfte unter Druck setzen.

(Foto: imago/photothek)

Schulpsychologen helfen nicht nur bei Lernschwierigkeiten und Ängsten, sie vermitteln auch bei Konflikten an der Schule - und werden vielerorts dringend gebraucht.

Interview von Christiane Bertelsmann

Nicht nur Kinder und Jugendliche suchen Rat bei ihnen, auch Eltern und Lehrer: Schulpsychologen arbeiten in externen Beratungsstellen oder in der Schule selbst, was sich meist aber nur Privatschulen leisten können. Diese Experten sind heute sehr gefordert, denn Probleme im Bereich der schulischen Bildung haben zugenommen. Der Lehrer, Psychologe und Psychotherapeut Klaus Seifried verfügt über langjährige Erfahrung als Schulpsychologe. 13 Jahre leitete er ein Schulpsychologisches Beratungszentrum. Er erklärt, warum heute auch Krisenintervention, Supervision und Teamberatung zum Arbeitsalltag eines Schulpsychologen gehören.

SZ: Wer kann Rat suchen?

Klaus Seifried: Wir Schulpsychologen verstehen uns als Dienstleister für Schulen. Unser Angebot steht allen offen, Schülern, ihren Eltern, Lehrkräften, Erzieherinnen, Schulleitungen und der Schulaufsicht. Die Beratung ist für die Ratsuchenden kostenfrei und unterliegt der Schweigepflicht. Wir unterscheiden zwischen der Einzelfallberatung, zu der vor allem Eltern, Schüler und auch ihre Lehrkräfte kommen, und der Systemberatung, das heißt der Beratung einer Schule insgesamt.

Was hat sich in den vergangenen 20 Jahren verändert?

Vor allem hat sich die Situation an den Schulen geändert: Vielfach müssen Lehrkräfte Erziehungsaufgaben übernehmen. Familiäre Strukturen zerfallen, circa 40 Prozent der Ehen in Deutschland werden geschieden. Das betrifft jedes Jahr etwa 100 000 Kinder und Jugendliche, die lernen müssen, diese Familienkonflikte zu verarbeiten. Andere erfahren zu wenig Erziehung, ihnen werden kaum Grenzen gesetzt. Bildungsferne Eltern unterstützen ihre Kinder in der Schule nur wenig. In Großstädten wie Berlin sind bis zu 30 Prozent der Kinder von Armut betroffen. Konflikte mit Mitschülern nehmen zu.

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Welche Auswirkungen hat diese veränderte schulische Situation auf die Arbeit der Schulpsychogen?

In den vergangenen Jahren wurden die Problemlagen und Fälle immer komplexer. Einfache Anliegen wie Hausaufgabenprobleme oder eine Schullaufbahnberatung sind bei uns inzwischen die Ausnahme. Häufig arbeiten wir mit dem Jugendamt, mit behandelnden Ärzten, Psychotherapeuten oder der Polizei zusammen. Wichtige Kooperationspartner sind für uns auch die Schulsozialarbeiter und Sonderpädagogen, wenn diese in Schulen arbeiten.

Eines der Arbeitsfelder ist die Systemberatung - was ist damit gemeint?

Die Einzelfallberatung ist immer systemisch, das heißt, ich muss sowohl die Lebensbedingungen in der Familie als auch die Lernbedingungen in der Schule in die Beratung einbeziehen.

Die Systemberatung, also die Beratung des Systems Schule insgesamt, gab es vor 20 Jahren in dieser Form noch nicht. Hierbei beraten wir Schulleitungen und Kollegien bei der Schulentwicklung, Gewaltprävention oder Gesundheitsvorsorge. Auch Teamsupervision gehört dazu, denn die moderne Schule erfordert Teamarbeit und kein Einzelkämpfertum.

Mit welchen Problemen sind Schulpsychologen im Arbeitsalltag konfrontiert?

Einen Schwerpunkt bilden Lern- und Verhaltensprobleme, aber auch Mobbing und Gewalt. Etwa 30 Prozent der Schüler haben Schwierigkeiten beim Lesen, Schreiben oder Rechnen. Etwa fünf Prozent entwickeln eine Lese-Rechtschreib- oder eine Rechenstörung, die meist lerntherapeutisch behandelt werden muss. Begabungsförderung, Diagnostik und Beratung ist ein weiterer Arbeitsschwerpunkt. Bei Mädchen häuft sich autoaggressives Verhalten wie Ritzen oder Magersucht. Auch junge Menschen, die unter Prüfungsängsten leiden, suchen Beratung.

Kriseninterventionen werden häufiger. An einer der Schulen, für die ich zuständig war, bedrohte ein Vater die Schulleiterin so massiv, dass die Polizei kommen musste. Der Sohn sah zu, wie sein Vater von Polizisten zu Boden geworfen und fixiert wurde. Die Schulleiterin war emotional stark belastet, aber auch der Schüler brauchte psychologische Betreuung. Zur Zeit des Anschlages in Nizza, im Juli 2016, waren zehn Berliner Schulklassen dort auf Klassenreise, eine Lehrerin und zwei Schüler wurden Opfer des Attentats. Da haben wir die Klassen am Flughafen abgeholt und auch in den nächsten Tagen in der Schule betreut. Nicht alle wollten ein Gespräch, aber viele waren traumatisiert und brauchten psychologische Unterstützung.