Zivilcourage "Ich hatte Todesangst"

Der Jäger Martin-Michael Mayer stellte daheim im Wald bei Traunreut zwei illegale Hanfbauern.

(Foto: privat)
  • Immer wieder zeigen Menschen in brenzligen Situationen Zivilcourage und retten damit sogar Leben.
  • Innenminister Joachim Herrmann hat 33 dieser Helden des Alltags mit der "Courage-Medaille" ausgezeichnet.
Von Lisa Schnell, Plattling/Traunreut

Donnerstagfrüh, Realschule Plattling, Deutschstunde: Alle beugen ihre Köpfe über die Hefte, nur einer nicht: Felix Freundorfer in der fünften Reihe. Er blickt zur Uhr, zwei Minuten vor acht. Es ist der Moment, in dem noch alles normal ist, in dem der Zwölfjährige noch kein Blut gesehen hat, kein Messer. Wo er noch nicht ahnte, wie viel Mut in ihm steckt. So viel, dass ihm an diesem Montag Innenminister Joachim Herrmann eine Medaille um den Hals hängt.

Zwei Minuten vor acht also an einem Februarmorgen. Felix' Blick wandert von der Uhr zurück über die erste Reihe, über Jennifer und dann sieht er es: das Messer in ihrer Hand. Ein Küchenmesser, dünn und spitz. Jennifer hält es vor sich, dreht sich um. Eine Reihe noch, dann wäre sie bei ihm. Sie bleibt stehen, hinter ihrer Freundin Anna-Lena. Ihr rammt sie das Messer in den Rücken gleich am Schulterblatt. Felix sieht, wie das Oberteil rot wird. Der Zwölfjährige springt auf, reißt Jennifer das Messer aus der Hand, drängt sie weg, ruft nach Hilfe. "Ich bin einfach los", sagt Felix am Telefon.

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Hatte er denn keine Angst? "Ich hab' nicht nachgedacht", sagt er. Jennifers Augen aber wird er nicht vergessen, ganz abwesend, als wäre sie gar nicht da. Ein paar Tage vorher hat Felix gesehen, was sie auf einen Zettel schrieb. Dass sie von der Brücke springen wolle, das Leben die Hölle sei. Sie hätte auf jeden losgehen können, haben die Polizisten später gesagt. Jetzt ist sie in der Psychiatrie.

Anna-Lena kam ins Krankenhaus und sitzt wieder eine Reihe vor Felix. Eigentlich alles wie früher, sagt er. Nur eben, dass er jetzt der Held ist, oder? "Geht so", sagt Felix und dann: "Ja, schon." Er redet nicht gern über diesen Donnerstag. Sonst kommt alles wieder in der Erinnerung hoch. Das Messer, das Blut, Jennifers Augen. Auch Felix hat geweint, wie alle in der Klasse, war froh, dass sie in der Schule mit Psychologen gesprochen haben. Zweimal hat er schlecht geträumt, jetzt schläft er gut.

Held zu sein, ist nicht immer so glorreich, wie es klingt. Oft haften die Bilder, die einem der eigene Mut beschert hat, noch lange in den Träumen. Auch deshalb verleiht das Innenministerium seit 24 Jahren die "Courage-Medaille". Wer nicht wegschaut, soll spüren, wie wichtig er für die Gesellschaft ist. Seine höchste Anerkennung sprach Innenminister Herrmann den 33 Helden des Alltags aus. Für den Hausmeister im Münchner Circus Krone, der bei einer gefährlichen Rangelei dazwischenging, für Großtante und Großneffe, die einen Fahrraddieb jagten und einer von ihnen dafür einen Reifen auf den Kopf bekam, oder für ein mutiges Rentner-Trio, das einen Einbrecher auf frischer Tat ertappte. Und für Martin-Michael Mayer.

Mayer ist 37 und trägt gerne grüne Jagdmützen. Er ist Jagdleiter bei sich im Chiemgau und kann den Ruf des jungen Hirsches so gut nachmachen wie kaum einer. Es war aber kein Hirsch, was er und seine Freundin diesen Juli vom Hochstand herunter durch ihr Fernglas erblickten. Stattdessen sahen sie zwei Männer mit Gießkannen, die sich über ihr Beet mitten im Dickicht beugten und Pflanzen mit auffällig zackigen Blättern pflegten.

"Es schauen schon zu viele weg"

"Die müssen wir schnappen", dachte Mayer da schon. Weil er keine Marihuana-Plantage im Wald bei Traunreut will, und weil ihm die zwei die ganzen Rehe vertreiben. In der Nacht legte er sich mit der Polizei auf die Lauer, erfolglos. Bis zum 25. Juli, ein Sonnentag, Blattzeit, die Hochzeit der Rehe. Mayer und seine Freundin waren wieder unterwegs. Sie sahen ein Auto, abgedeckt mit Ästen und dann plötzlich die zwei. "Ursprungsbayern", sagt Mayer, heruntergekommene. Zwei, die wohl nichts zu verlieren haben, die zu allem fähig wären, wenn sie in die Ecke gedrängt sind.

Mayer sah das Messer im Gürtel des einen. "Ich hatte Todesangst", sagt er. Aber er blieb. "Ihr bleibt da, bis die Polizei kommt", sagte er. Aber die Polizei wusste ja gar nichts. Vier Minuten dauerte es, bis er rückwärts zu seinem Auto gegangen war und das Handy zwischen den Sitzen hervorangelte. Vier Minuten, die Mayer vorkamen wie Stunden, in denen sie ihn angreifen hätten können, flüchten.

Aber die zwei standen nur da. Zu verdattert, um sich zu rühren. Es ist nicht das erste Mal, dass Mayer der Polizei hilft. Und wohl nicht das letzte Mal. "Es schauen schon zu viele weg", sagt er. Der Empfang von Herrmann sei eine "große Ehre". Felix hat sich für den Tag extra seine Festtagslederhosen angezogen. "Ziemlich cool", den Innenminister zu sehen. Vielleicht ist es das erste Treffen mit seinem zukünftigen Chef. Wenn der Zwölfjährige groß ist, will er Polizist werden.

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