Ursprung des FC-Bayern-Mottos Bayernklischee: Geschert und grantig

Das auf der Bayernhymne basierende Lied war wunderbar anzuhören, und doch klang dieses symphonische Mia san mia wie ein vertontes Bayernklischee. Der früheste Hinweis auf eine diesbezügliche Mentalität begegnet uns bereits im frühen Mittelalter. "An den Rand einer Pergamenthandschrift hat um 800 ein Mönch das früheste Mir san mir gekritzelt", sagt der Literaturwissenschaftler Reinhard Wittmann. "Stulti sunt Romani, sapientes sunt Paioari." Auf gut Deutsch: Die Römer sind dumm, die Baiern gescheit.

Wen wundert es da, dass sich die Baiern schon in ihrer Frühzeit unbeliebt machten und als wegelagernde Grobiane galten. Die Hasstiraden kulminierten um das Jahr 1600 in dem Urteil, sie seien "ein wenig grob leut und nit seer ein höflich volck, sunder grober sitten und sprach". Geschert, grantig und mit rohem Dialekt, dieses Bayernklischee hat gleichsam die Schmähgesänge in den Fußballstadien vorweggenommen.

Im 19. Jahrhundert wurde der Ton noch schärfer. Vor allem die Preußen brandmarkten das rückständige Bayern als eine Schande für das aufgeklärte Deutschland. Noch 1896 behauptete die Allgemeine Deutsche Biographie, die Bayern seien unter den übrigen Völkerschaften geistig am meisten zurückgeblieben. Nach dem Eintritt ins Deutsche Reich 1871 hagelte es Kritik, Spott und Diffamierung: Die Bayern seien stur, eigenbrötlerisch und obrigkeitshörig, und so manche Spiegel-Kolumnistin glaubt das heute noch. Im Süden riefen diese Attacken eine Trotzreaktion hervor, deren Folgen Otto von Bismarck treffend einordnete: "Bayern ist vielleicht das einzige deutsche Land, dem es durch seine materielle Bedeutung, durch die bestimmt ausgeprägte Stammeseigentümlichkeit und die Begabung seiner Herrscher gelungen ist, ein wirkliches und in sich selbst befriedigtes Nationalgefühl auszubilden."

Die Bayern konterten das von ihnen gezeichnete Zerrbild durch vorbeugendes Auftrumpfen. Gleichzeitig vermarkteten sie ihr Hinterwäldlertum touristisch und lachten sich halb tot über die Preußen, die darauf hereinfielen. Vor allem die Figur des Gscherten, wie sie Ludwig Thoma im Abgeordneten Filser zeichnete, wurde zum Synonym für den Bayern, der sich von niemandem dreinreden lässt und auf seiner Andersartigkeit beharrt: Mia san mia!

Und bald fühlten sie sich auch noch klüger als der Rest der Republik, was sich durch den Aufschwung des Landes zu bestätigen schien. Die ständige Berieselung, "dass wir die Besten und Klügsten sind und die Preußen uns nicht gewachsen sind, führt dazu, dass wir tatsächlich daran glauben", sagt der ehemalige Landtags-Vizepräsident Franz Maget (SPD).

Genervt vom Mia san mia

Den Regisseur Marcus H. Rosenmüller, der die Bayernseele in seinen Filmen seziert hat, nervt dieses Selbstverständnis. In einem Playboy-Interview sagte der 39-Jährige: "Immer dieses Mia-san-mia-Schreien ist, als ob ich genau damit ein Problem habe. Ich brauch es nicht betonen. Das ist doch eh klar. I bin i, wer sonst?" "Mia san a wer!, das würde mir besser gefallen", ergänzt Sepp Obermeier vom Bund Bairische Sprache.

Bei den Urhebern in Österreich schimmert das Mia-san-mia-Gefühl höchstens noch bei Skiübertragungen im ORF durch. Das liegt aber nahe, denn Andrea Schamberger-Hirt von der Redaktion des Bayerischen Wörterbuchs fand heraus, dass der Slogan in seiner jetzigen Form wohl erstmals Ende des 19. Jahrhunderts in Wien bezeugt ist, als sich dort ein besonderes Nationalbewusstsein herausbildete. Im Materialarchiv des Bayerischen Wörterbuchs findet sich ein Hinweis auf das k.-u.-k. Hoch- und Deutschmeister Regiment Nr. 4 in Wien, dessen Infanteristen sich im Stil heutiger Fußballer durchaus etwas einbildeten. In der Zeitschrift Wiener Studien von 1891 wird der Gesang der Deutschmeister zitiert: "Mir san mir - von Numero vier - alleweil stier" (d. h. ohne Geld).

Auch im Lied "Solang der alt Steffel steht" des Wiener Volkslieddichters Carl Lorens (1851-1909) taucht der Begriff auf: "Der Weana . . . schreit: Mir san mir!" Das Lied ist übrigens auch die Vorlage für die Münchner Stadthymne: "Solang der alte Peter". "Ob es den Bayern gefällt oder nicht, das Mir san mir scheint ebenso wie das Lied vom Alten Peter in Österreich entstanden zu sein", schlussfolgert Schamberger-Hirt. Wo hätte der Spruch also eine größere Berechtigung als auf dem Trikot des Verteidigers Alaba aus Wien.

Fußball-Macht in Tracht

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