Unter Bayern Das zweigeteilte Land

Vom Haus der Kunst direkt in die Wirtschaft - das gleicht einem Kulturschock

Von Sebastian Beck

Ein Sonntagnachmittag in München, Haus der Kunst. Eine Frau um die sechzig, extrem schlank, in Tweed. Ihr Mann groß gewachsen, Baritonstimme, langer Mantel, Siegfriedmähne. Sie stehen vor der Installation eines bestimmt sehr berühmten Künstlers. "Weißt Du, die Farbthematik erinnert mich an Mailand", sagt sie. "Ja, ja, ja, Mailand", sagt er. In der Goldenen Bar nebenan dudelt Loungemusik, die Wände schmücken noch die original Nazi-Malereien von 1937 mit Europas Weinländern.

Vor 80 Jahren hat Hitler hier Hetzreden gegen die Moderne gehalten. Ausgerechnet sein Haus der Deutschen Kunst hat den Bombenhagel überstanden. Nach dem Krieg hat sich hier ein Zentrum für Weltkultur entwickelt. In München debattiert das Publikum über einen kritischen Rückbau, die Nazi-Geschichte soll wieder freigelegt werden. Andere wollen das Gebäude irgendwie zersägen, als antifaschistisches Statement. Auf jeden Fall: So um die hundert Millionen Euro wird das wohl kosten.

Eineinhalb Stunden später, auf Termin tief in Niederbayern in der Dorfwirtschaft von P. Oben im Saal ist es dunkel, dabei soll doch heute die Hauptversammlung der Feuerwehr stattfinden. "Da sans zu spät dran, die war schon gestern", sagt die Wirtin. In der Stube sitzen fünf Stammtischbrüder, ob sie einen Rausch haben oder noch halbwegs nüchtern sind, lässt sich schwer sagen. "Hodemoizuraadou!" Eine so freundliche Einladung kann man nicht ablehnen. Am Stammtisch dreht sich alles ums Hochwasser in den Fünfzigerjahren und um einen, der vielleicht noch ein Foto davon hat oder einen kennt, der ein Foto davon hat. Dazwischen Herrenwitze. Warum in der Zeitung so viel Krampf steht. Was aus den Stockschützen wird.

Was sie hier wohl von Chipperfields kritischem Rückbau halten würden? Reiss weg, des alte Glump! Hundert Millionen, spinnst a wengerl! Lieber nicht über Politik reden. Endlich kommt der Hackbraten, der noch von der Versammlung übrig war. Schon komisch dieses Bayern: Nur eineinhalb Stunden liegen zwischen zwei Welten, die so überhaupt nichts miteinander zu tun haben. Farbthematik und Stockschützen. Draußen überfriert der Regen. "Kimm guad hoam!", rufen sie dem Besucher nach.