Umweltschutz Umweltministerium streitet mit Agrarministerium über den Wolf

Sie sind zurück: Vermehrt tauchen in Bayern Wölfe auf, im Veldensteiner Forst ist eine Fähe unterwegs, in Grafenwöhr lebt ein Paar.

(Foto: picture alliance / dpa)
  • In mehreren Regionen Bayerns haben sich vereinzelt Wölfe niedergelassen.
  • Bislang verhalten sie sich ruhig, doch Nutztierbesitzer fordern Beratungsmöglichkeiten.
  • Umweltministerin Ulrike Scharf und Agrarminister Helmut Brunner streiten darüber, wie man sich verhalten soll - und wer für die Wölfe zuständig ist.
Von Christian Sebald

Der jungen Wölfin im Veldensteiner Forst geht es gut. Erst am Dienstag hat ein Förster in dem weitläufigen Waldgebiet bei Pegnitz im Schnee eine frische Fährte der Fähe entdeckt. Die Wölfin, die aus einem Rudel in Brandenburg nach Oberfranken zugewandert ist, verhält sich weiter unauffällig. Schafen und anderen Nutztieren bleibt sie fern. Dafür reißt sie ab und zu ein Reh. Ansonsten sieht sie zu, dass sie viel Ruhe hat. Dennoch beobachten vor allem die Schafhalter in der Region ihr Treiben mit Argwohn. Was ist, wenn die Wölfin doch über eine Schafherde herfällt, sowie die Nutztiere nach dem Winter wieder auf der Weide sind, fragen sie. Die Schäfer wollen endlich wissen, wer ihnen eine fundierte Beratung in Sachen Herdenschutz liefert.

Das ist genau die Frage, über die sich Agrarminister Helmut Brunner und Umweltministerin Ulrike Scharf seit Monaten heftig streiten. So heftig sogar, dass sich am Dienstag das Kabinett darüber beraten sollte. Eine Entscheidung ist freilich ausgeblieben. Der Punkt wurde kurzfristig abgesetzt. Es ist ungewiss, wann er wieder auf die Tagesordnung kommt. Als Grund für die plötzliche Absetzung nennen die einen, dass Noch-Ministerpräsident Horst Seehofer am Dienstag in Berlin war und der Zank nicht ohne ihn besprochen werden sollte.

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Andere erklären, der Streit sei keine Sache fürs Kabinett, Scharf und Brunner sollten sich zusammenreißen und sie unter sich ausmachen. Wieder andere behaupten, das Kabinett werde sich vor der Landtagswahl gewiss nicht mehr mit dem Reizthema Wolf befassen, auch wenn die Entscheidung überfällig ist. Denn es geht ja nicht nur um die junge Wölfin im Veldensteiner Forst. Auf dem Truppenübungsplatz in Grafenwöhr hat sich vor mehr als einem Jahr ein Wolfspaar niedergelassen. Im Bayerischen Wald lebt ein Wolfsrudel. Es gibt praktisch keine Gegend im Freistaat, in der nicht immer wieder Wölfe auftauchen.

Immer wenn ein Wolf ein Schaf reißt, ist die Aufregung unter Bauern groß

Und wann immer ein Wolf ein Schaf reißt, ist die Aufregung unter den Bauern groß. Seit Monaten wollen Umweltministerin Scharf und ihre Fachleute deshalb eine flächendeckende Beratung für Weidetierhalter einrichten, wie diese ihre Tiere am besten schützen können. Und zwar an ausgewählten Landwirtschaftsämtern. Als Gründe nennt Scharf, dass die Experten dort nicht nur bestens über Zäune, Schutzhunde und andere Sicherheitsmaßnahmen gegen Wölfe Bescheid wissen. Sondern auch die Tierhalter zum Teil seit vielen Jahren gut kennen und deren Vertrauen haben. Auch was eine finanzielle Förderung der Schutzmaßnahmen anbelangt, seien die Landwirtschaftsämter die besten Ansprechpartner für die Tierhalter.

Schließlich geben diese dort auch alle anderen Zuschussanträge ab. Agrarminister Brunner widersetzt sich Scharfs Ansinnen hartnäckig. Der 63-jährige gelernte Landwirt möchte am liebsten überhaupt nichts mit dem Wolf zu tun haben, sagen Beobachter. Deshalb sträube er sich gegen eine Beratung der Tierhalter an den Landwirtschaftsämtern. Stattdessen hält es Brunner mit dem Bauernpräsidenten Walter Heidl und seinem Parteifreund, dem amtierenden Agrarminister in Berlin, Christian Schmidt. Wie sie macht er sich für "wolfsfreie Zonen", Erleichterungen für Wolfsabschüsse und eine Abschwächung des strengen Schutzes stark, unter dem die Raubtiere europaweit stehen. Hohe Beamte in seinem Haus verkündeten bisher stets: "Der Wolf ist Sache des Naturschutzes, im Grunde haben wird damit nichts zu tun."

Eine Beratung aus dem Umweltministerium würden Tierhalter nicht akzeptieren

Sollte sich Brunner mit seiner Verweigerungshaltung durchsetzen, müsste Scharf eine eigene Herdenschutzberatung aufbauen. Dies wäre wesentlich teurer, als wenn die Landwirtschaftämter sie übernehmen würden. Denn das Umweltministerium müsste als erstes eigene Berater einstellen. In der Kabinettsvorlage spricht Scharf von 15 nötigen Planstellen.

Viel gravierender freilich wäre - so sagen selbst Schäferei-Experten -, dass eine separate Herdenschutzberatung unter dem Dach des Umweltministeriums "wirkungslos verpuffen würde". Der Grund: Bauern, Schäfer und andere Tierhalter sind es gewöhnt, sich alle Informationen und Unterstützung, die sie brauchen, von den Experten an den Landwirtschaftsämtern zu holen. Eine völlig neue Beratung ausgerechnet beim Reizthema Wolf aus dem Umweltministerium würden sie nicht akzeptieren.

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