Transidentität Wie aus Pfarrerin Silke Pfarrer Finn wurde

Finn Wolfrum will auch eine hormonelle Behandlung beginnen.

(Foto: Daniel Peter)

Die evangelische Kirche im unterfränkischen Veitshöchheim hat plötzlich einen Mann als Chef - die Gemeinde unterstützt ihn.

Von Julia Huber

Am 29. Oktober 2017 tritt Pfarrerin Silke Wolfrum zu ihrer größten Mutprobe an. Gut 50 Besucher haben sich in der Kirche von Veitshöchheim an diesem Sonntag versammelt. Das Orgelspiel ist vorbei. Manche stehen schon auf, um den Heimweg anzutreten. Als sie merken, dass Wolfrum noch etwas sagen will, setzen sie sich wieder hin. Wolfrum zieht ihren Talar aus. Nur mehr im dunklen Herrenanzug stellt sie sich vor die Gemeinde. Dann greift sie zum Mikrofon und erklärt, dass sie von nun an als Mann leben wird. Den Namen Silke legt sie ab. Er heißt von jetzt an Finn, Pfarrer Finn Wolfrum.

Bis zu diesem einen Moment der Wahrhaftigkeit hatte er 46 Jahre mit sich selbst gekämpft. Depressionen und Selbstmordgedanken suchten ihn heim. Als er noch Silke war, schloss er sich als Teenager einer besonders konservativen Jugendgruppe an und eiferte gegen Sex vor der Ehe. Später heiratete er sogar einen Mann - all das, um nur dieses eine Gefühl loszuwerden: dass er in den falschen Körper hinein geboren wurde. Ein Mann, der in der Hülle einer Frau eingesperrt ist.

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Damit ist es vorbei. Wolfrums Haar ist kurz geschoren, er trägt ein Jackett mit extrabreiten Schultern. Sein Gang ist ausladend. An den Ohrläppchen deuten sich noch Löcher an. Der einzige Schmuck, den er jetzt trägt, ist eine schlichte Herrenuhr. Nächstes Jahr will Wolfrum eine Hormonbehandlung beginnen. Die Stimme soll dunkler, die Schultern sollen breiter werden. Auch eine operative Geschlechtsangleichung plant er, wenn die bürokratischen Hürden überwunden sind. Er sagt: "Ich mache mich jetzt auf den Weg."

Wolfrum hat seine Geschichte inzwischen schon einige Male erzählt, als Pfarrer ist er ohnehin ein Mann des Wortes. Nur hin und wieder gerät er ins Stocken, wenn er berichtet, wie er sich ein Leben lang in Rollen hineinzwängen wollte, die dann doch nicht passten: Am Anfang war dieses scheinbar normale Mädchen im Kindergarten, das lieber mit Legos und Bauklötzen als mit Puppen spielte. Später kamen die Heirat, die Scheidung und schließlich der missglückte Versuch einer lesbischen Beziehung. Seine Partnerin bat ihn, gelegentlich ein Kleid anzuziehen. Ein Horror für Wolfrum. Seine Partnerin wünschte sich, er solle sich weniger dominant und weniger maskulin verhalten. Wieder fühlte er sich fehl am Platz.

Es sollte Wolfrums letzter Versuch sein, sich mit seinem Frauenkörper zu arrangieren. Schließlich vertraute er sich einer Freundin an. Sie sprach ihm Mut zu und sagte: "Du kannst dich doch nicht dein Leben lang verstellen." Zwischen 60 000 und 100 000 Deutsche sind in einer ähnlichen Situation wie Wolfrum. Die Zahlen sind eine grobe Schätzung der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität. Sie sind deshalb so ungenau, weil immer wieder um Definitionen gerungen wird.

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Die Bezeichnung "transsexuell" lehnen die meisten ab. "Da denken alle sofort nur an Geschlechtsteile", sagt auch Wolfrum. Das Wort, in dem er sich wiederfindet, lautet: transident. Ein Kunstwort aus "Trans" und der Abkürzung von "Identität". Transidente Menschen können sich mit dem Geschlecht, dem sie von Natur aus angehören, nicht identifizieren. Trotzdem werden sie täglich damit konfrontiert. Ob bei Formularen, dem Kleidungskauf oder der Begegnung mit einer neuen Person. Immer heißt es: Herr oder Frau?