Protest gegen dritte Startbahn Widerstand von oben

"Weltstadt mit Herz?": Da staunte mancher Tourist - pünktlich zum Glockenspiel um 11 Uhr hängten Aktivisten aus Attaching Protestplakate vom Rathaus-Turm herab.

Von Marco Völklein

Pünktlich um 11 Uhr haben sie sich eingefunden, Ingeborg und Peter Heinze, zwei Rentner aus Düsseldorf, um das Glockenspiel am Rathaus anzuschauen. Was sie dann erleben, ist nicht nur der seit 1909 aufgeführte Tanz der Schäffler- und Ritterfiguren - sondern auch eine Protestaktion gegen den Ausbau des Münchner Flughafens.

"Koa Dritte" haben Aktivisten der Gruppe "Plane Stupid Germany" auf eine Stoffbahn geschrieben, die sie von der Touristenplattform des Turms herunterlassen. Auf einer zweiten steht: "Weltstadt mit Herz?"

Den Besuchern aus dem Rheinland muss man den Spruch "Koa Dritte" erst ins Hochdeutsche übersetzen - und erläutern, dass es um die dritte Startbahn geht und um den Bürgerentscheid dazu am 17. Juni. Mit diesem Wissen, sagt Ingeborg Heinze dann, habe sie "große Sympathie" für die Aktion.

Schließlich würden sich auch in Berlin und Frankfurt Airport-Anwohner gegen Ausbaupläne wehren - und es könne "nicht immer nur um Interessen der Wirtschaft gehen", findet ihr Mann. Auch in Düsseldorf würden Anwohner unter Fluglärm leiden.

Die Aufmerksamkeit ist den sieben Aktivisten auf dem Rathaus-Turm also gewiss. Die meisten gehören auch der Bürgerinitiative aus dem Freisinger Stadtteil Attaching an, der am stärksten von der neuen Piste betroffen wäre. Anna Brückl wohnt in Attaching, und sie steht an diesem Mittwoch auf dem Marienplatz und schaut, wie ihre Nachbarn die Transparente entrollen. "Ich habe Angst vor dem, was da auf uns zukommen wird", sagt die 57-Jährige.

Mit der Startbahn würden die Jets 900 Meter von ihrem Haus entfernt abheben; an einen Aufenthalt im Garten sei dann nicht mehr zu denken. Bei jeder Demo sei sie dabei gewesen - gebracht habe der Protest bislang wenig. Mittlerweile "verliert man einige Bedenken", daher seien auch Aktionen am Rande der Legalität angemessen, findet sie. "Wir müssen uns wehren."

Die Idee für "Plane Stupid Germany" kommt aus Großbritannien, wo Aktivisten seit 2005 mehrmals Sicherheitszäune von Flughäfen überwunden, sich an Jets gekettet oder Startbahnen besetzt haben. Für München kündigt Aktivistensprecher Florian Sperk weitere Aktionen an. Zudem will sich die Münchner Regionalgruppe von "Robin Wood" dem Aktionsbündnis "Aufgemuckt" anschließen, ist zu hören.

Die Kletteraktivisten sind dafür bekannt, dass sie auch vor Schornsteinen, Atomkraftwerken oder dem Dach des Stuttgarter Hauptbahnhofs nicht Halt machen, um dort Protestplakate zu enthüllen. Bei ihrer ersten Aktion gegen die Münchner Ausbaupläne, sagt eine Robin-Wood-Aktivistin schon mal vieldeutig, "wird es hoch hinaus gehen".

Am Mittwoch nahm die Polizei die Personalien der Aktivisten auf und bat sie nach einer halben Stunde, die Plakate wieder einzurollen - was die Attachinger dann auch taten. "Andernfalls muss ich es machen", drohte ein Polizist. "Und das kostet dann eine Kleinigkeit."