Politischer Aschermittwoch der CSU Seehofer, der Unberechenbare

Plötzlich voller Tatendrang: Der CSU-Chef will die bayerische Verfassung ändern, um die deutsche Leitkultur dort zu verankern. An diese Überraschungsangriffe von Seehofer werden sie sich wieder gewöhnen müssen in der Partei.

Von Mike Szymanski, Passau

Der politische Aschermittwoch in Passau ist der Ort, an dem das Herz der CSU am reinsten und am lautesten schlägt. So sagt es jedenfalls Manfred Weber, der Chef der CSU-Grundsatzkommission und damit so eine Art Leibarzt für das Innenleben der Partei. Wie recht er doch hat. Das Herz pocht so wild in der Passauer Dreiländerhalle, so heftig, dass es Menschen wie Hans Haag innerlich fast zu zerreißen droht.

Jetzt steht er inmitten der mehr als 3000 Besucher, eine bierschwere Masse, die sich selbst als Stammtischpublikum lobend beschrieben fühlt. Haag hält sein selbstgemaltes Plakat hoch - wie ein treuer Soldat die Fahne. "K.T.G lass uns nicht im Stich!", es ist ein fast schon flehender Appell. So meint Haag das auch, der 54-jährige Franke aus der Gegend von Fürth. "Bayern und Deutschland brauchen den Guttenberch", sagt er. Guttenberch sagen viele hier. "Wenn der morgen wiederkommt, kann der alles werden." Morgen schon! Die Partei verzeiht so schnell. Haag kann es gar nicht schnell genug gehen.

"Wir wollen Karl-Theodor zu Guttenberg zurück" - das ist die Stimmung, mit der sich die Dreiländerhalle bis unter die Decke gefüllt hatte. Eine erschummelte Doktorarbeit hin oder her. Auf den Ex-Minister lassen sie nichts kommen. Große Sehnsucht, große Schmerzen. Wie sie leidet, die CSU! Guttenberg war schon das große Thema, wenn er da war. Jetzt ist er es noch viel mehr, wo er fehlt.

Nur einer kaut an seiner Breze und trinkt aus dem Tonkrug sein Bier als wäre das ein ganz normaler Festzeltauftritt: CSU-Chef Horst Seehofer. Hinten im Saal, wo die Stimmung bei manchem zum Heulen ist, sitzen erwachsene Männer, die sich T-Shirts mit aufgedrucktem Guttenberg-Foto übergestreift haben und vorne wartet Seehofer auf seinen Auftritt und hat die Ruhe weg.

Jetzt redet noch Manfred Weber, der Niederbayer, der als Gastgeber fungiert. Er übernimmt die Rolle des Trauerredners. Als er auf Guttenberg zu sprechen kommt, brandet der Applaus erst richtig auf. Das Schöne am politischen Aschermittwoch ist, dass es hier Politik nur in Schwarzweiß gibt, dass die Unterscheidung in Gut und Böse ausdrücklich gewünscht ist. Guttenberg war der Gute. "Er hat gestaltet, er hat angepackt", schwärmt Weber. Und dann kommt er auf die Bösen zu sprechen - die Medien, die Opposition, Professoren, die nichts anderes zu tun gehabt hätten, als nach Fehlern in Guttenbergs Arbeit zu suchen. "Wir haben eine Hetzjagd auf einen von uns mit ansehen müssen", sagt er.

Er erinnert an den Grünen-Politiker Joschka Fischer, der sich in jungen Jahren Steine werfend in Straßenschlachten begeben hatte. "Wo waren denn damals die Eliten dieses Landes, die Moralapostel", fragt Weber. Da jault das Publikum auf. Es ist jetzt auf Betriebstemperatur für Seehofer.

Seehofer will heute nicht den Trauerredner geben. Deshalb beginnt er seine Rede auch mit einem Witz. Erst sagt er lange gar nichts, dann dass die Kanzlerin zum Weltfrauentag Männer aufgefordert hatte, mehr nachzudenken. Dann lachen sie doch noch im Saal.

An diesen Seehofer - den Unberechenbaren - werden sie sich jetzt wieder in der CSU gewöhnen müssen. Es ist heute kein leichter Auftritt für den 61-jährigen Parteichef. Es gibt nicht wenige im Publikum, die innerlich mit ihm abgeschlossen hatten, weil sie sich die Zukunft schon mit dem schneidigen Freiherrn aus Franken ausgemalt hatten. Seehofer war zeitweise nur noch ein geduldeter Parteichef. Da hieß es, wenn Guttenberg nur mit dem Finger schnippe, dann sei Seehofer Geschichte.

Jetzt soll er ausgerechnet den großen Tröster geben? Seehofer hält sich nicht mit Abschiednehmen auf, das Leben geht auch ohne Guttenberg in der CSU weiter. Das ist seine Botschaft.

Denen im Publikum, die seit Guttenberg wieder von der absoluten Mehrheit in Bayern zu träumen wagen, hat er heute eine Statistik mitgebracht. Wenn jetzt Wahlen wären, käme die CSU im traditionell tief schwarzen Niederbayern auf 55 Prozent. Das habe eine von der CSU in Auftrag gegebene repräsentative Umfrage ergeben. Das sagt noch lange nichts darüber aus, wie die CSU bayernweit abschneiden würde. Aber es fühlt sich gut an. "Die CSU ist wieder ein Kraftpaket", gibt Seehofer an.

Mit Tatendrang, wie man ihn lange bei Seehofer vermisst hat, versucht er die Basis jetzt wieder auf sich auszurichten. Die bayerische Verfassung will er ändern, die deutsche Leitkultur dort verankern, Migranten zwingen, sich besser einzubringen, den schuldenfreien Staatshaushalt festschreiben ebenso wie gleichwertige Lebensbedingungen in Stadt und Land. "Wir müssen den anderen beibringen, wie man Integration richtig macht", ruft er fast schon heiser in den Saal hinein und so langsam kommt auch schon so etwas wie Begeisterung als Echo zurück.

Erst nach mehr als einer Stunde kommt er auf Guttenberg zu sprechen und er sagt eigentlich auch nur das, was von ihm erwartet wird. Dem Karl-Theodor daheim am Fernseher rufe er zu: "Wir wollen, dass du wieder zurückkehrst in die deutsche Politik." Da gehen im Publikum die Bayern-Fahnen hoch.

Statt Guttenberg muss dann aber ein anderer auf die Bühne, ein Ersatzspieler, der immer ankommt: Der Ehrenvorsitzende Edmund Stoiber, Seehofers Vorvorgänger. Und nun steht viel Vergangenheit und Gegenwart aber wenig Zukunft auf der Bühne. Stoiber flüstert Seehofer noch zu: "Das war deine beste Rede beim Aschermittwoch." Seehofer wirkt an diesem Tag irgendwie befreit.

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