Oberbayern Neuartiges Sicherheitssystem hätte Zugunglück bei Bad Aibling verhindern können

Viele Strecken in Bayern sind eingleisig. Der Sicherheitstechnik kommt hier eine besondere Bedeutung zu. Neue Systeme können Züge automatisch warnen.

(Foto: Getty Images)
  • Ein neuartiges System hätte das Unglück von Bad Aibling verhindern können. Es wurde von der Bayerischen Oberlandbahn (BOB) getestet, aber nie eingesetzt.
  • Das sogenannte RCAS hat den großen Vorteil, dass es unabhängig von anderen Sicherungssystemen funktioniert.
  • Herkömmliche Signale werden Experten zufolge im Alltag der Bahn häufig umgangen.
  • Ab Samstag sollen Züge die Bahnstrecke wieder regulär befahren können, teilte die BOB mit.
Von Christian Endt, Daniela Kuhr und Christian Sebald

Das Zugunglück mit elf Toten nahe Bad Aibling hätte verhindert werden können, wenn die beteiligten Triebwagen mit dem Sicherungssystem RCAS ausgestattet gewesen wären. Das sagt Professor Thomas Strang, der das System am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Oberpfaffenhofen entwickelt hat. Und das sagt auch Heino Seeger, der bis Ende 2012 Chef der Bayerischen Oberlandbahn (BOB) war.

Seeger hat das RCAS in seiner Zeit als BOB-Chef auf deren damaligen Strecken getestet. "Das RCAS ist die Antwort, um fürchterliche Kollisionen wie in Bad Aibling zu verhindern", sagt Seeger. "Ich bin sicher, dass dem RCAS die Zukunft gehört." Die beiden in Bad Aibling verunglückten Züge wurden von der BOB unter der Marke Meridian betrieben.

Wie das Sicherheitssystem funktioniert

Das Kürzel RCAS steht für "Railway Collision Avoidance System", also für Zugkollision-Verhinderungssytsem. "Dabei handelt es sich um eine Technik, die völlig unabhängig von den Sicherungssystemen entlang der Zugstrecke funktioniert", sagt Entwickler Strang. Geräte in den Loks zeichnen während der Fahrt alle möglichen aktuellen Daten des Zuges auf, zum Beispiel die Fahrtrichtung, die Geschwindigkeit und die Bremsbedingungen. Über Funk stehen die Geräte in Kontakt und gleichen diese Daten miteinander ab.

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"Wenn nun zwei Züge, aus welchen Gründen auch immer, so nahe aneinander geraten, dass ein Zusammenstoß droht, wird in den Ständen der Lokführer ein Alarm ausgelöst, der diese zu einer sofortigen Notbremsung auffordert", sagt Strang. "Als wir das RCAS entwickelt haben, hatten wir die Verhinderung von exakt solchen Unfallszenarios wie in Bad Aibling im Hinterkopf."

Nach dem bisherigen Ermittlungen geht das Unglück vom Dienstag vergangener Woche auf den Fehler eines 39-jährigen Fahrdienstleiters zurück. Der Mann soll einen verspäteten Zug auf die eingleisige Strecke zwischen Bad Aibling und Kolbermoor geschickt haben, obwohl er dies nach Überzeugung der Ermittler nicht hätte tun dürfen. Der Fahrdienstleiter bemerkte seinen Fehler zwar noch und setzte zwei Notrufe ab, die sich auch an die beiden Lokführer richteten. Sie kamen aber zu spät, um den Zusammenstoß zu verhindern.

Was die BOB zum Einsatz des Systems sagt

"Das RCAS hat den großen Vorteil, dass es unabhängig von allen anderen Sicherungssystemen funktioniert", sagt der Bahnexperte Seeger. "Es eignet sich deshalb besonders als Vorsorge gegen menschliches Versagen."

Die BOB-Muttergesellschaft Transdev wollte sich nicht näher zum RCAS äußern. Ein Sprecher betonte aber, dass bei dem Unglück keine Hinweise auf technisches Versagen vorlägen. Eine Ausstattung der Triebwagen mit zusätzlicher Technik, die von Fahrzeug zu Fahrzeug kommuniziert, könne nur dann in Betracht gezogen werden, wenn alle Fahrzeuge, die auf der betreffenden Strecke verkehren, mit der Technik ausgestattet seien. Grundsätzlich sei das Eisenbahn-Bundesamt die zuständige Aufsichtsbehörde, die Sicherungssysteme für den Einsatz im Eisenbahnverkehr zulässt und den Betreibern vorschreibt.